Wallis Bird Collage. Photos by Roland Frisch

Wallis Bird - eine Musikerin zum Anfassen mit einem Gespür für Harmonien

Wallis Bird hörte ich im Sommer 2006 im Radio. Ja ja, ich weiß, was ich zum üblichen "Kommerzgedudel" aus Funk und Fernsehen geschrieben habe. Aber der Song stach mal wieder aus all den nett gemachten Gitarren-Pop-Songs raus. Das war nicht nur die rauhe Stimme, die mir direkt sympathisch auffiel, sondern auch das außergewöhnliche Gitarrenspiel mit dem kompliziert verstrickten Rhythmus. Wallis Bird, den Namen merkte ich mir schnell und so bestellte ich ihre erste EP, denn ein Debüt-Album gab es bis dahin noch nicht. "Branches Untangle" nennt sie sich und wirkt allein schon optisch durch die vielen netten Grafikspielereien und Fotos, die scrapbookartig angeordnet sind. In dem kleinen Booklet stehen die Original-Texte auf verschiedenen Blättern und wirken mit den kleinen Malereien wie Seiten aus ihrem Tagebuch, was das Ganze noch authentischer macht. Denn genauso, wie sie ihre Texte darstellt, ist auch Wallis und ihre Musik.

Branches UntangleAuf "Branches Untangle" erzählt uns Wallis hauptsächlich Liebesgeschichten, verpackt Gefühle in ehrliche, komische und manchmal auch traurige Worte. Beim Zuhören ihrer Lieder ist man bereits gefangen in ihrer Welt und ist der Versuchung nahe, ihren Gedanken zu folgen. "Blossoms in the Street", der fröhliche Song aus dem Radio, macht auf der EP den Anfang. Dann folgt eine Art Studio-Session in ähnlicher Form, wie ich sie aus den Erzählungen meines Vaters kenne, eben nur etwas wilder. "Beep Beep" klingt wie eine energiereiche Session nach anstrengenden Proben und stellt Wallis Talent ungewöhnlich unter Beweis. Das dynamische Stück, das ausnahmsweise auch mal von einem Trompeter begleitet wird, ist nichts für gestresste Ohren, macht aber Lust auf den unverwechselbaren Live-Sound (vorausgesetzt, die Akustik stimmt ;-) )

Mit "Big Moon" hat Wallis eine Ballade geschrieben, die den verwandten Trabanten preist, aber zugleich auch mal wieder einen unbekannten Liebhaber. "Fat Chick" stellt ebenfalls einen Lovesong dar, bei dem Wallis jeden Kritiker längst um den Finger gewickelt haben müsste. "The Circle", die erste Single-Auskopplung, die am 8. Juni 2007 erschien, hat ohnehin großes Zeug zum Ohrwurm. Das Lied war für mich direkt das Schönste der ganzen EP. Den Refrain können die meisten Fans auf ihren Konzerten auswendig, und schreiben kann man zu diesem Song nicht viel - man muss ihn einfach hören. Das letzte Lied, eine sanfte Ballade, begleitet von Wallis Gitarrenspiel, nennt sich "Oklahoma" und hat einen gewissen Gospel-Charakter. Im Refrain singt sie sich die Flüsse bunt - "colour the river with words".

Die Dynamik in ihrer Musik und ihre Sprünge zwischen Folk, Rock, Jazz und Soul machen sie so einzigartig. Und nicht nur das - das wirklich außergewöhnliche ist ihre Geschichte und ihre damit verbundene Spielweise auf der Gitarre. Wallis erlitt als kleines Kind einen Unfall mit dem Rasenmäher und verlor zunächst alle Finger ihrer linken Hand. Vier davon konnten wieder angenäht werden, wobei der kleine Finger fehlt. Somit kam sie bereits früh auf die Idee, die Gitarre einfach "rumzudrehen" und eine Rechtshändergitarre, ohne die Saiten umzuspannen, verkehrtherum zu spielen. Da sie bereits mit zwei Jahren anfing, Gitarre zu spielen, baute sie dieses "Hobby" bald aus und studierte später in Dublin auf dem Ballyfermont College Musik und Songwriting. Durch ein Austauschjahr in Mannheim lernte sie in Deutschland viele Musiker kennen. So kam es, dass ausgerechnet die beiden deutschen Musiker Christian Vinne (Schlagzeug) und Michael Vinne (Bass) zu dem festen Bestandteil ihrer Band wurden. Sie tourte durch Deutschland und Großbritannien und erntete bereits einigen Erfolg. Im Jahr 2006 entstand daraufhin auch ihre erste EP in einer Auflage von nur 3000 Stück, von deren Songs ich ja bereits erzählt habe. Die EP erschien übrigens unter ihrem eigenen Label "Bird Records" und in ihrem Musikverlag "Bird Publishing". Ihre Branches Untangle Tour 2006 führte sie hauptsächlich durch den Süden Deutschlands, zudem sie bislang den meisten Bezug aufgebaut hat. Zur Veröffentlichung ihrer Single "The Circle" gab es dann im Juni 2007 auch eine Tour durch fünf große Städte Deutschlands, darunter sogar eine City im Rheinland namens Köln ;-). "The Circle" enthält 3 Tracks; es ist ihre erste Auskopplung von "Branches Untangle".

Die irische Musikerin kennt keine Noten und hatte angeblich nicht eine einzige Gitarrenstunde in ihrem bisherigen Leben. Sie ist eine Visionärin des Songwriting, denn von dem einen auf den anderen Moment fallen ihr neue Stücke ein, die sie dann zwar spielt, aber nicht auf dem Papier festhält. Gut, dass sie doch noch genug gute Songs festgehalten hat. Und die bringt sie auf all ihren Konzerten dem Publikum so nahe, dass die Fans sich schnell mit ihr identifizieren können. Auf der Bühne ist Wallis ein wahres Energiebündel. Sie weiß, womit sie das Publikum zum Lachen bringt, wobei sie sich nicht nur mit Talenten, sondern auch mit Fehlern oder kleinen Schwächen schmückt, was ihre große Authentizität und Menschlichkeit ausmacht. Dabei versucht sie sich auch zwischendurch mal an ein paar deutschen Worten - hauptsächlich bleibt sie aber bei ihrer Muttersprache. Auf der Bühne ist sie ganz sie selbst, lässt ihre Fans an alledem teilhaben, was ihr gerade durch den Kopf geht und improvisiert in ihren Songs gerne. Der ungewöhnliche Gitarrensound, die kräftige, unverbrauchte Stimme und ihre Musiker sind eine Mischung, die man nicht mehr missen will. Christian Vinne, ihr Schlagzeuger, darf auf jedem Konzert auch mal kräftig im Mittelpunkt stehen, wenn er gekonnte Schlagzeug-Soli und Beatboxing betreibt. Ihre beste Freundin ist auch immer dabei und erfüllt gleich mehrere Rollen: Sie ist Wallis Muse, Band-Fotografin, Background-Sängerin und Violinistin. Auch sie ist eine nette und offene Persönlichkeit, die sich auch schon mal Zeit für ein Schwätzchen mit den Fans nimmt.

Ende September 2007 war es endlich soweit: Ihr erstes Album "Spoons" wurde veröffentlicht. Der lang ersehnte Moment, als ich die CD im Plattenladen in der Hand hielt, war ein gutes Gefühl. Das wunderschön aufgemachte Album mit den Streichhölzchen und Löffeln auf der Frontseite des Booklets machten mich direkt hungrig auf das langangekündigte Ergebnis. Das Album hält, was es verspricht: Rundum bunt, lebhaft, mit vielen Fotos aus Wallis Leben und trotz deutlicher Überarbeitung und "Aufpeppung" einiger bekannter Songs sehr gelungen. Die zusätzlichen Instrumente steigern natürlich die Qualität der Songs. Sie haben dafür aber weniger Dynamik und wer einige Songs nur von den Konzerten kannte, wird sich wundern, wie gediegen die Stücke auf der CD klingen. Trotz allem haben Stücke wie "Just Keep Going" und "Bring me Wine" immer noch genug Leben, um als typischer Wallis-Song durchzugehen. Nur zwischendurch werde ich durch Banjo, Piano oder eine Trompete von Wallis Spiel abgelenkt. Aber nach einigen Malen durchhören empfinde ich die Instrumente eher wie einen schönen Bilderrahmen für das Bild einer außergewöhnlichen Künstlerin. Ungewöhnlich ist auf jeden Fall "Country Bumpkin", das gute Laune macht und wieder eine andere Seite von Wallis zeigt. Nur "All for You" kann ich in dieser Version nicht völlig akzeptieren. Zumindest dann nicht, wenn ich mir das Stück live von einem Mannheimer Konzert anhöre und der Zauber dieses Love-Songs mit automatisch erzeugtem Fan-Chor im Hintergrund mich ganz einfängt. Dann bin ich Gedanken wieder vor der Bühne und singe kräftig mit. ;-)

Zwei Jahre später, im Sommer 2009 erschien "New Boots", das Nachfolgealbum. Mit diesem Album steigerte sie Ihren Bekanntsheitsgrad und rutschte ein wenig aus der Ecke der unbekannten hochtalentieren Singer/Songwriterinnen heraus. Das Album ist von Anfang an fröhlich und dynamisch gehalten - damit knüpfte sie an das Vorgängeralbum an. Einige der Songs, wie z. B."Travelling Bird" oder "Your Morning Dream" waren für die alten Wallis-Fans nicht viel Neues, denn diese Songs spielte sie bereits vor einigen Jahren. Neuheiten waren die E-Gitarren-Stücke, aber auch allgemein der rockige Stil, der z. T. um Einiges härter und schneller ausfiel als die experimentellen Stücke der Spoons. Auch Jazz- und Blueseinflüsse gingen mit der New Boots deutlich verloren. Ganz neue Töne brachte sie z. B. mit "Berlin" und "Measuring Cities" ein - hier wurden vermehrt die Familienmitglieder miteinbezogen, Banjo und Backgroundgesang rückten mehr in der Vordergrund. Die Single "An Idea about Mary" wurde sogar auf einigen deutschen Radiostationen gespielt. In Irland landete sie Chartplatzierungen und bekam Musikpreise. Die darauffolgende Tour im Frühjahr 2010 ließ auch direkt auf eine größere Zielgruppe und Vermarktung des neuen Albums schließen. Größere Locations, einen Haufen Termine, darunter viele Festivals, vermehrte Promotion und manchmal ein gestresstes Gesicht der sonst so lockeren Musikerin warfen in mir die Frage auf: Kommt jetzt der große Sprung? Eine eindeutige Antwort habe ich nicht gefunden. Auf den Festivals konnte sie sicherlich ein breiteres Publikum ansprechen, im Kern blieb sie sich jedoch treu und spielte im Sommer 2011 eine Reihe von Solo Acoustic-Gigs, bei denen sie mich auch auf einer kleinen Bühne mit ihrem vollem Können überzeugte. "New Boots" höre ich manchmal mit gemischten Gefühlen. Viele Gefühle, viele Themen springen mich an, die vermutlich über die Jahre in Musik umgesetzt wurden. Sie stellt gesellschaftliche Probleme in den Vordergrund, lobt das Leben und ihre Familie, zu der sie einen sehr engen Kontakt hat und besingt eine Liebe, dessen Ende ihr sehr nahe gegangen ist. Es ist hörbar und greifbar, wenn man dies in "Measuring Cities" hört. Am meisten aber berührt hat mich "Made of Sugar". Die sanften Gitarrenklänge, die Kirchenglocken im Hintergrund, die mich an die Nebel von Avalon erinnern und ein Text, der nicht zu fassen ist und dennoch viel aussagt: In der Musik aufzugehen, davonzuschweben, zu träumen und dennoch nicht ganz die Realität aus den Augen verlieren. Dieser und andere Songs haben mich zu einer Collection of pictures inspiriert, die ich ihr im April 2010 übergab. Alles in allem bietet das Album viel Abwechslung, bietet aber nicht ganz so viel komplizierte Rhythmen wie "Spoons". Das danach wieder etwas völlig Anderes durch Wallis' Gitarrensaiten entstehen sollte, war mir schon beim Hören klar.

Viel Zeit ist vergangen, seit ich New Boots in den Händen hielt. Erst jetzt hatte ich Zeit, mal eine kleine Kritik zu verfassen. Und schon steht auch wieder das nächste Album bevor. Im März 2012 wird Wallis ein sehr persönliches Album namens "Wallis Bird" herausgeben. Schon auf der Solo Akustik Tour, aber auch anderen Konzerten stellte sie einige der neuen Songs vor. Es sind einige hauptsächlich ruhige Balladen aber auch sehr groovige Songs, aus denen kein kommerzieller Touch durchklingt - völlig anders als die Songs von New Boots. Meine ersten Eindrücke konnte ich durch den Erwerb der auf 1000 Stück limitierten Sonderpressung "The Mistakes are intentional", die Wallis bei sich zuhause akustisch eingespielt hat, bestätigen. Das neue Album wird deutlich anders als ihre Vorgänger. Sie öffnet sich den Fans mit handgemalten Zeichnungen, Beschreibungen ihres Zimmers in der WG. Die Songs drehen sich natürlich viel um ihre Gedankenwelt, ihre Beziehungen zu anderen, Erinnerungen, die dann besonders in Erscheinung kommen, wenn man alleine ist. Ich "befürchte", mit dem neuen Album wird sie ihre Fans noch enger an sich binden, authentischer und kompromissloser daherkommen, akustische Alleingänge wagen und mit vollem Körpereinsatz eigene Kreationen auf der Bühne entstehen lassen. Auf dass sie uns nie wieder loslässt!

Im Frühjahr 2012 wird es eine neue Deutschland-Tour geben. Die Termine findet ihr auf ihrer Homepage oder Myspace-Seite.

Links:
www.wallisbird.com Die offizielle Wallis Bird-Homepage. Voller Infos!
www.myspace.com/wallisbird Wallis MySpace-Site
Team Bird Hier könnt ihr euch an Promotionaktionen beteiligen, die neuesten News erfahren und euch mit anderen Fans austauschen.
www.bonnensia.de/kunst/stoffmalerei.htmHier findet ihr mein Wallis-Shirt, das inzwischen (wie oben im Bild zu sehen) bereits von ihr begutachtet und unterzeichnet wurde. Demnächst seht ihr hier auch das zweite Shirt, das ich im Sommer 2007 gemacht habe.



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Zuletzt aktualisiert am 19.11.2011
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