Vienna Teng & Alex Wong

Vienna Teng - Ein Hauch von Konzertsaal verbunden mit einem individuellen, modernen Stil

Zugegeben - ihr Name ist nicht sonderlich bekannt. Außer vielleicht bei Fans von Tori Amos, Fiona Apple oder Vanessa Carlton. Die Amerikanerin mit taiwanesischer Abstammung hat sich jedoch ganz schnell in mein Herz gespielt, als ich ihre Musik entdeckte. Nun habe ich ja bekanntlich ein Faible für Klaviermusik, vor allem mit schönem Gesang. Vienna überzeugt mit beidem. Ihre Sopranstimme hat zwar einen völlig anderen Charakter als Tori Amos' kräftig-ausladendes Organ, aber das tut der Wirkung ihrer Musik keinen Abbruch. Sie überzeugt in mehrstimmigen, klaren Gesängen sowie in Balladen und flotten Jazz-Songs.

Es gibt Menschen, bei denen kann man sich das Instrument, das sie spielen, nicht mehr von ihnen wegdenken. Vienna Teng passt zu einer solchen Vorstellung, wenn sie auch auf ihrer Tournee nicht immer den Flügel dabei hat. Sie schafft es jedoch mit ihrem Produzenten und Musiker Alex Wong, eine Live-Atmosphäre zu zaubern, bei der man gleichzeitig den Atem anhalten könnte, andererseits aufspringen und tanzen möchte. Ich habe sie bereits live erlebt und kann daher bestätigen, dass sie auch live mit ihrer Band mit musikalischer Qualität überzeugt. Neben dem Multi-Talent Alex Wong, der hauptsächlich Percussion und Schlagzeug spielt, wird Vienna durch den Cellisten und Gitarristen James Edward William ergänzt.

Vienna Teng wurde am 3. Oktober 1978 als Cynthia Yih Shih in Kalifornien geboren. Im Alter von fünf Jahren nahm sie Klavierunterricht und komponierte mit sechs Jahren bereits einige Improvisationen. Die Musik war weiterhin Bestandteil ihres Lebens; sie entschied sich jedoch später, Informatik zu studieren. Während des Studiums nahm sie jedoch schon Stücke im Studio der Universität auf und machte sie somit bereits in dieser Zeit bekannt. Sie sang zudem bei den Stanford Harmonics, einer A-Capella-Gruppe, die zur Universität gehörte. Hatte sie sich bei der Wahl des Studiums eher an ihren Eltern orientiert, wurde während des Studiums schon deutlich, dass sie sich nicht für den Informatik-Beruf entscheiden würde. Heute sieht sie die Zeit in Silcon Valley eher gelassen und hat längst erkannt, dass sie als Computerspezialistin nicht glücklich geworden wäre.

Schon als Kind wurde sie durch die Musik geprägt. Ihr Vater spielte ihr abends Gute Nacht-Lieder auf der Gitarre vor und die Musiksammlung der Eltern war breit gestreut. Von Simon & Garfunkel bis hin zu James Taylor, europäischer Klassik und moderner Musik aus der taiwanesischen Heimat. Auf den Künstlernamen "Vienna" kam sie auch in ihrer Kindheit. Wien als Heimat von großen Komponisten ging zusammen mit dem Nachnamen der chinesichen Popsängerin Teresa Teng eine Symbiose ein. Heraus kam dann also "Vienna Teng".

Ihre Karriere kam jedoch erst so richtig ins Rollen, als sie nach der Veröffentlichung ihres Debüt-Albums "Waking Hour" in Lettermans "Late Show" auftrat. Waking Hour ist ein ruhiges Album mit wenig Dynamik. Es fordert damit umso mehr zum Zuhören auf. Besonders die klassische Ballade "Gravity" sticht auf diesem Album hervor, zu dem es auch ein passendes Video gibt. Außergewöhnlich ist auch der Song "Unwritten Letter No. 1", der das Album mit lateinamerikanischen Klängen auflockert. Von Popmusik kann man hier wohl kaum sprechen. Vienna selbst nennt ihre Musik "chamber folk", womit sie wirklich eine eigene Kategorie in der Welt der Musik verdient.

Noch bekannter wurde sie, als sie mit Joan Baez, Shawn Collin, Joan Osbourne und Marc Cohn auf Tour ging. 2004 erschien dann bereits ihr zweites Album, "Warm Strangers". Das Album erntete großen Erfolg, denn es stand in drei Billboard-Charts sowie auf Platz 2 der Bestseller-Liste bei Amazon.de. Das Album startet gleich verträumt mit "Feather Moon" und entwickelt sich im Laufe des Hörens jedoch dynamischer als sein Vorgänger. Bereits der zweite Titel "Harbor" ist ein Ohrwurm. Obwohl das Stück einen klassischen Aufbau mit vielen Streichern besitzt, bleibt es doch im Ohr hängen. Hier kommen verschiedene Musikstile und Einflüsse, die Vienna während ihres Lebens immer wieder sammelt, stärker zum Tragen. Durch und durch geht mir ihr Solo-Gesang in "Passage", in der Vienna aus Sicht des Todesopfers eines Unfalls beschreibt, was aus ihrer Familie und ihrem Partner wird. Dieser Song ist sicherlich nichts für schwere Stunden. Ich behaupte mal, dass er eine ähnliche Wirkung wie "Gloomy Sunday" haben könnte. Im Großen und Ganzen überzeugt "Warm Strangers" aber durch seine Vielfalt aus Geschichten und den unterschiedlich arrangierten Stücken.

Mit "Dreaming through the noise", ihrem dritten Album, das 2007 veröffentlicht wurde, hat Vienna ihren einzigartigen Stil weiterentwickelt. Es beginnt wiedermal mit ruhigen Tönen - Vienna scheint kein Freund von schmissigen "Openern" zu sein. In "Blue Caravan" erzählt sie von einer imaginären Beziehung. Das nachfolgende "Whatever you want" besitzt wiederum ähnlich wie "Harbor" einen gewissen Ohrwurmcharakter. In "Love turns 40" begegnet uns dann mal wieder der Jazz. Mit "City Hall" bekommt das Album einen Hauch von Blues und Country. Mit Bossa Nova und einem Trompeten-Solo in "Transcontinental. 1:30 a.m." geht Vienna musikalisch nochmals andere Wege, um uns mit "1BR/1 BA" nochmal vom Sofa zu locken. Die schrillen Cello-Töne ziehen einem bei diesem Song geradezu die Schuhe aus. Zum Ende folgen wieder die leiseren Töne, die neue Geschichten mit sich bringen. Bei diesem Album merkt man bereits, dass der Schwerpunkt in Viennas Musik längst nicht mehr nur bei klassischen Balladen liegt. Sie zeigt eine deutlich stärkere Tendenz, sich an andere Musikstile heranzutrauen und mit ihnen zu experimentieren. Das ebnete dann wohl auch den Weg für das stilistisch gewagtere "Inland Territory".

Mit "Inland Territory" ändert sich zunächst ihr Stil nochmal. Daran hat vor allem ihr Schlagzeuger Alex Wong schuld, der auch Mitproduzent des Albums war. Aber von Schuld kann ja hier gar keine Rede sein, denn das Album ist sehr gelungen. Ursprünglich waren die Songs aber für Veröffentlichungen in drei unterschiedlichen EPs gedacht. Die (geplante) Pop-EP enthielt viel Persönliches und war eher klassisch gestaltet. Die Folk-EP wurde wiederum live in einer Kirche und in einem alten Haus in San Fransisco aufgenommen und die Rock-EP versprach mehr Gitarren, die aber nicht sonderlich in den Vordergrund treten. Das Album ist im Allgemeinen wesentlich dynamischer als seine Vorgänger. Es enthält deutlich mehr Folk-Elemente, schöne Body-Percussion (wie im "Grandmother-Song") und erzählt auch ein Stück amerikanischer Geschichte. Dazu zählt z. B. das dreigeteilte "No Gringo", in dessen Mitte mexikanische Klänge auf die Geschichte der illegalen Immigration an der mexikanisch-amerikanischen Grenze erinnern. Für diesen Song lernte Vienna eigens die spanische Grammatik und Aussprache. Dieses Stück ist und bleibt mein Liebling auf dem Album, schon deshalb, weil es es mir rhythmisch gefällt und einen sehr schönen Aufbau hat. Andere Themen, wie z. B. die chinesische Kulturrevolution, verarbeitet sie im Titel "In another life". Bei all den verschiedenen Songs stimmt jedoch immer die Qualität. Verschiedene klassische und traditionelle Instrumente verschmelzen zu einem genialen Song nach dem anderen. Aber auch die Stimme rückt in den Vordergrund. Bereits beim Opener "The last snowfall" präsentiert Vienna ihren mehrstimmigen Gesang. In "St. Stephen's Cross" zeigt sie, dass sie auch chorale Kirchenmusik beherrscht. Nichts von alledem wirkt aufgesetzt, alles ist authentisch. Man hat das Gefühl, dass sich Vienna in jeden Song mit seiner Geschichte und den verschiedenen kulturellen Einflüssen in ihrer Musik vollständig identifiziert. Dieses Album hat definitiv Suchtpotenzial.

Die gelungene Mischung zwischen Pop, Folk, Klassik und Jazz macht ihre Musik letztlich so besonders. Dazu kommen die interessanten Geschichten, die nicht nur mit ihrem eigenen Leben, sondern vielmals auch mit ihrer Umwelt zu tun haben. Sie geht mit offenen Augen durch die Welt und reflektiert politische Ereignisse, Naturkatastrophen und zwischenmenschliche Beziehungen. Doch das fließt nicht nur in ihre Musik ein. Sie engagiert sich auch selbst. Durch das Engagement bei der Non-Profit-Organisation "Habitat for Humanity" kümmerte sie sich mehrere Wochen um Bedürftige in Argentinien. Und wieder lernen wir: Authentizität und Engagement spiegeln sich auch im Anspruch der Musik wieder. In den USA hat sie nun auch eine Musikschule gegründet - ein Projekt, in das sie viel Zeit investiert.

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Zuletzt aktualisiert am 26.06.2010
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