Seth Lakeman Collage

Seth Lakeman - "Der, der den Bogen schreddert"

Der Folkmusiker aus dem englischen Dartmoor hat eine erstaunliche Eigenschaft: Er bringt traditionelle Folkmusik mit modernen Rhythmen zusammen und erfindet seinen völlig individuellen Sound immer wieder neu. Von der Times wurde er deshalb auch als "New Folk Hero" bezeichnet. Den mitreißenden Sound, den er erzeugt, kann man vor allem auf sein dynamisches Geigenspiel zurückführen. Er spielt seine traditionellen Stücke sowohl in schnellem Tempo als auch mit einer Präzision, wie man sie nur bei wenigen Folkmusikern finden wird. Sein Temperament zeigt er live vor allem bei dem Stück "Kitty Jay", bei dem er den Bogen seiner Geige oftmals so schreddert, dass das Pferdehaar in Fetzen herunterhängt. Den Takt klopft er mit dem Fuß ganz genau mit, die Schnelligkeit seines Spiels aninimiert das Publikum zum Klatschen und in diesen Parts erinnert er mich oftmals an die talentierte Musikerin Wallis Bird, die ähnlich temperamentvoll Gitarre spielt. Neben der Geige spielt er noch Tenor Gitarre und Banjo. Das was ihn und seine Musik ausmacht ist, dass er sich auf seine Wurzeln beruft, mit der Musik ausdrückt, was ihn an seiner Heimat fasziniert und ihn festhält. Dabei stellt er er sowohl die alltägliche Arbeit von Bergarbeitern als auch die alten Geschichten, das ausgeprägte Vorstellungsvermögen seiner Landsleute als etwas Faszinierendes dar. Als authentischer Musiker, der sich einen Weg zwischen Tradition und Moderne gebahnt hat, überzeugt er mit seinem Können immer wieder auf's Neue und hebt sich auch so von vielen anderen Musikern dieses Genres ab.

Er wuchs in die Folk-Musik hinein, denn seine Eltern betrieben einen Folkclub. Seth Lakeman startete 1994 mit seinen Brüdern Sean und Sam das Lakeman-Trio, da alle Brüder aus einer musikalischen Familie stammen. Mit Cara Dillon und Kathryn Roberts kamen zwei Sängerinnen dazu und daraus entstand die Band Equation. Nach drei Alben löste sich die Band jedoch auf. Seth begann im Jahre 2002 mit dem Soloalbum "The Punch Bowle". Sam Lakeman musizierte nun zusammen mit Cara Dillon, die er später auch heiratete. Hier brachte sich Seth öfters auf den Alben mit Ukulele oder Geige ein und unterstützte beide bei Konzerten. Sein Bruder Sean blieb Seth in seiner Band treu, arbeitet aber auch immer wieder mit Kathryn Roberts an gemeinsamen Alben. Mit dem ersten Album "The Punch Bowl" erreichte Seth noch keine so großen Erfolge. Dies änderte sich mit der zweiten Veröffentlichung im Jahre 2004 - "Kitty Jay". Kitty Jay Kitty Jay ist eine bekannte Gestalt im Dartmoor, zu dessen Grab jedes Jahr viele Pilger wandern und Blumen niederlegen. Die Legende erzählt von einem Bauernmädchen, das von einem Bauernjungen schwanger wurde. In ihrer Verzweiflung erhängte sie sich und wurde auf einer Kreuzung beerdigt, damit ihr Geist nach altem Glauben nie wieder zum häßlichen Ort des Geschehens zurückkehrt. Im Dartmoor gibt es einige solcher und anderer Geschichten. Es ist eine rauhe, aber wunderschöne Gegend in denen nicht viele Menschen leben, in denen Ruinen von ehemaligen Kupfer- und Zinnbergwerken Zeichen einer vergangenen Kultur von Bergarbeitern und dem Traum einer wohlhabenden Bevölkerung wiederspiegeln. Von alle dem singt Seth Lakeman in seinen Songs. Kommen wir jedoch auf "Kitty Jay" zurück. Mit diesem Album hat Seth viele dieser Geschichten auf musikalisch eindrucksvolle Weise verewigt. Von kühnen Rittern, Stürmen auf See und verschollenen Menschen im Dartmoor. Die Melodien sind häufig dunkel und melancholisch, in Kitty Jay und Cape Clear ist vor allem die Schwere seiner Geigenklänge fühlbar.

Nach der Albumveröffentlichung ging Seth in Großbritannien auf eine ausverkaufte Tournee. Für "Kitty Jay" bekam er den Mercury Music Prize als Album des Jahres. In 2004 kam es auch zu einer Kooperation mit zwei Musikern aus dem Dartmoor - Steve Knightley und Jenna Witts. Das Album "Western Approaches" entstand. Er unterstützte Musiker wie Billy Bragg, Tori Amos, Levellers und Jethro Tull auf ihren Tourneen. So wuchs auch sein Bekanntheitsgrad, den er auf vielen weiteren Folkfestivals noch größer machte. Doch den Erfolg hat er auch seiner großartigen Band zu verdanken. Sein Bassist Ben Nicholls alias Dennis Hopper Choppers, wie er sich mit seinem Soloprojekt nennt, erzeugt einen wunderbaren dunklen Basssound und ist in der Lage als One-Man-Band gleichzeitig Gitarre, Keyboard, Bass und Drums (per Pedal) zu spielen. Auf seinem Album "Chop" zeigt er die Vielfalt seiner Musikstile mit Folk, Soul, Country und Rock 'n' Roll. Ein Percussionstalent ist auch an Bord - Cormac Byrne. Seine ganze Energie zeigt er auf der Bodhran, aber auch auf der Cachon und am Schlagzeug. Bei manchen Songs spielen nur Cormac und Seth zusammen, wie in "Bold Knight". Live zeigt sich, wie gut die beiden sich rhythmisch ergänzen, den Rhythmus ist das tragende und verbindende Element in der Seth Lakeman-Band. Sean, der älteste der drei Lakeman-Brüder, unterstützt Seth seit Jahren auf den Tourneen durch sein gutes Gitarrenspiel. Er spielt Gitarre seit er sechs Jahre alt ist und hat bereits zwei Alben der Folkband "Levellers" produziert.

Das nachfolgende Album "Freedom Fields" hat an der Schwere von Kitty Jay bereits Einiges verloren. Die Songs klingen dafür umso rhythmischer, ausgefeilter und fordern regelrecht zur Bewegung auf. Die Geschichten und Themen sind recht unterschiedlich, die beschwören alte Zeiten von Kriegen und Bergarbeitern herauf, die seine Heimat sehr geprägt haben. Die Stücke weisen ein unterschiedliches Tempo auf, die Rhythmen wechseln und zu alle dem kommen noch weitere Musiker hinzu - auch Cara Dillon und Kathryn Roberts geben sich wieder ein Stelldichein. Von diesem Album gibt es verschiedene Versionen und auch eine Live EP.

Mit "Poor Mans Heaven" wird sein Stil noch einmal deutlich rockiger. Die Stücke werden stärker durch Schlagzeug statt Percussion unterstützt und mit seiner Geige taucht er hin und wieder in Solos ab, die von einer E-Gitarre stammen könnten. Aber auch fetzige Folknummern wie "Race to be king", das auf jeder Tour als Zugabe gespielt wird und die Menge zum Tanzen bringt, sind auf dem Album vertreten. Mit diesem Album lernte ich seine Musik kennen. Bis heute ist "Cherry red girl" mein Lieblingssong geblieben. Ich habe nie etwas über diese kirschrote Frau herausgefunden und doch fasziniert mich ihre Beschreibung so sehr, dass ich sie malen musste. In der Kunstecke könnt ihr somit das Cherry Red Girl bewundern.

Nach der erfolgreichen Tour 2009 nahm sich Seth drei Monate Auszeit, um Songs zu schreiben. In dieser Zeit entstanden 25 Songs, von denen einige auf dem Album "Hearts & Minds" gelandet sind. Die Produktion dieses Albums erfolgte durch den amerikanischen Produzenten Tschad Blake, der das Album mit Seth in Wales in nur zwei Wochen aufnahm. Die kurze Produktionszeit und die Motivation zum Songwriting geht mit den aktuellen Themen einher, die Seth direkt in seiner Musik verarbeitet hat. Er erklärt zum dem Album, dass er hier nicht einfach nur Geschichten aus seiner Heimat erzählen wollte, sondern auch seine Sicht auf aktuelle Geschehnisse darstellen wollte. Der gleichnamige Opener klingt frisch und rockig und spricht sofort die Misere der Finanzkrise (ab 2007) an, von der auch seine Freunde betroffen sind. Das Album wirkt schon von den ersten Tönen an sehr mitreißend, es finden sich aber auch Balladen, die von Beziehungen handeln wie z. B. "Tiny World". Ein ganz neue Seite zeigt Seth mit "Changes", bei dem er erstmals Pizzicato auf seiner Geige spielt. Ich denke der Einfluss von Tschad Blake hat ein wenig amerikanische Einflüsse in seine Musik gebracht, denn es tauchen erstmals auch Countryklänge auf. Mit diesem Album begann auch seine erste kleine Deutschlandtour und für mich damit in Köln die Chance, ihn live zu sehen. Gleich bei den ersten Takten von Hearts & Minds konnte ich nicht mehr still stehen - das war der Auftakt zu weiteren Deutschland-Touren.

Im Jahr 2011 kam ein spezielles Album heraus - "Tales from the Barrel House". Dieses Album wurde überwiegend in einer alten Küfferei/Fassmacherei u. auch in einer alten Kupfermiene aufgenommen. Ohne große Technik, nur durch die spezielle Akustik des Raums und einzelner Geräusche der Werkzeuge und durch ein einziges Mikrofon im Raum, entstand ein sehr authentisches Album, dass von den alten Handwerkerberufen wie Schmieden oder Uhrmachern erzählt. Bereits beim Opener "More than money" wird deutlich, dass der Rhythmus der alltäglichen Arbeit - hier durch Hammerschläge - Bestandteil der Musik ist. Die Musik klingt klarer, weniger verspielt und gibt einen unverfälschten musikalischen Eindruck dieser fremden Welt. Mit "Blacksmiths Prayer" hat er einen düsteren Song über das Schmiedehandwerk geschrieben. Auch hier spiegelt der Sound die schmutzige und anstrengende Arbeit wieder. Er klingt wie schwarzer Ruß und Rauch auf der Haut und hinterlässt beim Hören auch genau solche Spuren, bis der letzte schnarrende düstere Basston verklingt: Gänsehaut. In "Watchmaker's Rhyme" geht es hingegen fröhlicher zu - hier geht es um das Handwerk des Uhrmachers, was bereits an den ersten Pendelschlägen erkennbar ist. Mit "Salt from our veins" geht es hingegen hinaus aufs Meer, zu den alten Segelschiffen. Die harten Töne, die deutlich von den Songs des Vorgängeralbums abweichen, werden z. B. auch durch eine alte Armee-Trommel unterstützt. Das Album wurde erstmals unter seinem eigenen Label "Honour Oak Records" veröffentlicht und von ihm selbst produziert und war deshalb nicht in unseren Plattenläden erhältlich. Der Grund ist, dass er ein solches Konzeptalbum nie mit einer großen Plattenfirma hätte produzieren können. Und damit ist diese Produktion auch das völlige Gegenteil von "Hearts & Minds", denn hier kann er viel freier über sein Werk entscheiden, ohne dass ihm jemand anders dazwischenredet. Dieses Album wird wohl ein ganz Besonderes bleiben, da Ort, Zeit, individuelles Arbeiten an besonderen Orten und die Ideen in diesem Album auf geniale Weise miteinander verknüpft sind. Die besondere Akustik kommt übrigens über Kopfhörer deutlich besser an.

Links und Quellenangaben:

Official Seth Lakeman-Site
Die offizielle Seth Lakeman-Seite, auf denen ihr alle Neuigkeiten und Tourtermine erfahren könnt.

Seth Lakemans Myspace-Site.

"Harte Arbeit ist keine Schande" Ein Artikel aus dem Hamburger Abendblatt vom 11.04.2011.

Tales from the Barrel House Ein ausführlicher Artikel von Spiral Earth über das neue Album (englisch).

ProperMusic Hier kann man die aktuelle CD "Tales from the Barrel House" erwerben.

Official site of Kathryn Roberts and Sean Lakeman Hier gibt es Infos zu beiden Musikern.


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Zuletzt aktualisiert am 10.06.2012
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