Fjarill

Fjarill - Schwedische Zauberformeln aus Geige, Stimme und Klavier

Als ich dieses Duo im Herbst 2011 entdeckte, veränderte sich meine Welt. Ich war bereits seit einiger Zeit von der skandinavischen Lebensart und den Sprachen fasziniert. Somit suchte ich nach dänischer, schwedischer, norwegischer oder isländischer Musik. Die schwedische Sprache gefiel mir schon vom Sound her am besten und als ich die ersten Lieder dieses Duos hörte, war es schnell um mich geschehen. Die beiden Wahl-Hamburgerinnen, die ihre Wurzeln in Schweden und in Südafrika haben, sind ein gutes Beispiel für eine schicksalhafte Fusion von seelenverwandten Musikerinnen, deren Produktionen auch den Härtesten zum Schmelzen bringt. Die Sprache war zunächst der erste Punkt, der mich neugierig machte. Obwohl ich noch nicht verstand, um was es in den Liedern ging, hatte ich mich in den speziellen schwedischen Singsang bereits verliebt. Dank Ainos traumhaft starker Stimme wurde ich in die Auseinandersetzung zwischen schwebenden Melodien und den dazugehörigen Texten gezogen. Nach und nach, beim Lesen der Booklets mit deutschen Übersetzungen, verstand ich, worum es in den Liedern geht. Es war für mich eigentlich nicht möglich, dass jemand so anziehende, tiefgehende Melodien schreiben kann und gleichzeitig solche poetischen Songtexte. Selbst wenn man nichts von all dem versteht, kommt hier und da ein Hauch der Songbotschaft beim Hörer an, während Geige und Stimme auf viele Arten in den Liedern oftmals zu einem Ton verschmelzen. Mit dem Kauf der ersten drei Cd's brach bei mir eine regelrechte Sucht nach den Songs aus und es verging monatelang kein Tag, an dem ich ihre Lieder nicht gehört habe. So lernte ich hier und da schon ein bißchen die Aussprache und die ersten Wörter und arbeite nun daran, auch bald mehr schwedisch zu verstehen und vor allem eines Tages auch einmal ein wenig schwedisch sprechen zu können.

Nachdem die Songs in meinen Ohren schon längst gezündet hatten, kam ich auch bald in den Genuss, das Duo live zu erleben. Glücklicherweise organisiert das Feuerschlößchen in Bad Honnef immer wieder eine Reihe von Folkkonzerten, unter denen ich im Oktober 2011 auch das Duo Fjarill finden konnte. Da es aber im Feuerschlößchen keinen Flügel gab, wurde das Konzert in den Kunstraum verlegt, der eine ideale, bunte Kulisse für das Konzert bot. Aino und Hanmarie spielten somit vor einigen Bildern, die dort ausgestellt waren. Die beiden Damen waren auch sehr schön gekleidet - sie achten bei all ihren Auftritten immer auf eine ausgefallene Kleidung, die diesmal auch sehr gut zu den Bildern passte. Der schwarze Flügel erklang neben der Geige und Ainos und Hanmaries Stimme einfach zauberhaft und schon von den ersten Liedern an überfiel mich eine Dauergänsehaut, die ich kaum wieder los wurde. Bei einigen Liedern war das Publikum so ruhig, dass man sich dessen gar nicht mehr bewusst war. Und doch brachen die beiden Künstlerinnen die melancholisch schwebende oder verträumte Stimmung immer wieder mit denkwürdigen oder komischen Sätzen auf. An diesem Abend habe ich pure Harmonien erlebt, so wie ich sie nie zuvor in meinem Leben erlebt habe. Die beiden spielten nicht einfach etwas vom Blatt, sie varierten in den Songs immer mal wieder mit ihren Stimmen, mit der Geige, mit dem Klavier. Niemand mehr im Raum konnte sich dem Bann dieser Musik entziehen - die Sprache war hier im eigentlichen Sinne kein Mittel zur Verständigung, sondern die Musik. Einige Songs brachen allerdings aus der Sammlung verträumter Balladen aus und entführten zudem in Hanmaries Welt, in der südafrikanische Sprachen eine Rolle spielen. Dazu gehört auch der Song "Ukuthula", was in afrikaans "Frieden" bedeutet und dessen Refrain stets auf den Konzerten vom Publikum mitgesungen werden muss. Hier übernimmt Hanmarie, die meist Geige und Backroundvocals übernimmt, auch meist das Kommando und singt den Refrain vor. Nach diesem phänomenalen Konzert stellte ich auch noch fest, dass die beiden zudem noch sehr nett und auch sehr lustig sein können. Ich mag ihren Humor und ihre Weltsicht, die manchmal so ganz anders ist, als die deutsche "Schlechtwettermentalität".

Die beiden Musikerinnen kamen vor einigen Jahren eigentlich der Liebe wegen nach Hamburg. Dort liefen sie sich bei einem Weihnachtsbasar über den Weg. Während Aino im schwedischen Dalarna auf einem Hof aufwuchs, lebte Hanmarie gut 12000 Kilometer weit auf einer Farm nahe Pretoria in Südafrika. Die beiden haben sich als Migrantinnen in Deutschland eben zusammengefunden und empfinden die Fremdheit aber nicht als erdrückend. Sie ist ein Teil, der sie verbindet, so wie ihre Musik, die sich in gleichen Harmonien äußert und sich fast automatisch zusammenfindet - ohne viele Diskussionen. Hanmarie war sehr berührt von Ainos Stimme. Sie schätze die Ehrlichkeit und Klarheit, die sie mit ihrer Heimat verband. Aus Improvisationen wurde gemeinsame Musik, die die beiden oft genug zurück in ihre Heimatländer bringt.

Mit dem ersten Album "Stark", das 2006 erschien, eröffnet sich dem Hörer die volle Bandbreite der Schmetterlingsharmonien. Der Opener "Nollan" fängt leise an, schwillt aber zu einer dynamischeren Ballade an, die zeigen soll, dass die Zahl Null, das Nichts, eine große Bedeutung haben kann. Viele Dinge, denen wir keine Bedeutung beimessen, haben vielleicht eine Bedeutung oder eine Schönheit, die wir nicht sehen wollen. Dieser Auftaktsong verschmilzt bei Konzerten oftmals mit dem folkloristisch klingenden "Stark", dass gemeinsame Stärken in uns allen anspricht. Dieser Song hat etwas in mir geweckt, mich sofort angesprochen, weshalb ich ihn fast vollständig mitsingen kann. Ainos Stimme klingt hier wesentlich dramatischer und kräftiger, ein Stück schwedische Wildheit spricht aus diesem Song, einer Art gemeinsamer Ursprung, den alle Menschen in sich tragen. Andere Songs auf dem Album wirken verspielter und nach und nach schleichen sich auch schon mal andere Instrumente ein, wie das Akkordeon, die Steel Guitar oder das Schlagzeug. Aber sie geben nur einen Rahmen und durchbrechen das harmonische Spiel der beiden nicht. Ein fröhlicher Song über das Hamburger Wetter ist "Det regnar i Hamburg". In "Kom huis toe" hören wir dann in einem fröhlichen Song das erste Mal afrikaans. Und ganz zum Schluss verzaubert Aino mit "Ainos Stark" noch einmal den Zuhörer mit ihrer brillianten Stimme.

Zwei Jahre später folgte das Album "Pilgrim", was zu deutsch Pilger heißt. Als Pilger wandert man wahrhaft mit offenen Augen durch die Natur, denn darum geht es hauptsächlich in diesem Album. Das machen viele Songs deutlich, die besonders an die Schönheiten der Natur appellieren. Sei es die tief verschneite Landschaft oder die Stille und der Duft des Waldes. Fjarill geben hier wieder, was mir selbst stark am Herzen liegt und was mich frei und glücklich fühlen lässt (schade nur, dass das Meer hier noch keine Rolle spielt). Einer dieser Songs, in denen man melancholisch, nur von Rhythmus und Klavier getragen, in die weite Winterlandschaft Schwedens eintauchen lässt, ist "Lössnön". Aino beschreibt uns eine wunderschöne Landschaft von dem Gipfel eines Berges aus und welche Freude es macht, mit den Skiern diesen Berg herunterzufahren. "Skogshymn" ist eine Liebeserklärung an den Wald, der seine eigene Melodie hat und der von Aino oft vermisst wird. "Mormor" bedeutet Großmutter auf schwedisch. Ihr hat Aino diesen Song gewidmet, da sie ihr sehr viel mit auf den Weg gegeben hat. Auch "Liten" ist ein faszinierender Song, der mit 8:42 Minuten nicht nur sehr lang ist, sondern auch voll von schönen Soloparts und harmonischen Akzenten zwischen Geige und Stimme.

Im selben Jahr bringen Fjarill eine Weihnachts-EP heraus, die klassische oder eigens komponierte schwedische Weihnachtslieder enthält.

"Livet" bedeutet "das Leben" und so klingt dieses Album auch. Mit diesem Album tauchen die beiden Schmetterlinge 2011 etwas aus den melancholischen Balladen auf. Der gleichnamige Opener gleicht einem fröhlichen schwedischen Volkslied. Und doch tauchen hier auch nachdenklich machende Zeilen auf, die nicht an das Leben, sondern auch an den Tod erinnern. Noch stärker deutlich wird dies im zweiten Song - "Syster", in dem eine Schwester betrauert wird, die wohl gestorben ist. Ich weiß nichts Näheres über die Bedeutung des Songs und doch berührt er sehr. Jeder, der einen großen Verlust erlitten hat, wird irgendwann an dieser Stelle vielleicht die eine oder andere Träne vergießen müssen. Aber das Album lässt den Hörer nicht lange in dieser traurigen Stimmung. Sie verfliegt mit den südafrikanischen Klängen von "Ukuthula", das ich ja bereits in Zusammenhang mit den Konzerten schon beschrieben hatte. Wer meint, die verschiedenen Stimmungen in Fjarill's Musik passen nicht zusammen, wird mit diesem Album eines besseren belehrt. Ich erinnere mich an ein Interview mit Aino, in dem sie beschrieb, dass Melancholie nun einfach zum Leben gehören würde und in ihrer Kultur nicht immer tabuisiert wird, was ich sehr positiv finde. Balladen und dynamischere Songs reihen sich hier aneinander. Neben einem wunderschönen Liebeslied, dass die Liebe zwischen Seelenverwandten beschreibt ("Du"), gibt es am Ende auch ein deutsches Lied, das sich einfach das "UBahnlied" nennt. Hier siegt Ainos fröhliches Wesen mit schwedischem Akzent, in dem sie einen Appell an Rücksichtnahme und Toleranz an die Hörer losschickt. Vielleicht ist dieses Album ein guter Einstieg für diejenigen, die sich nicht ganz so schnell in melancholischen Songs verlieren wollen.

Ein Jahr später bringen die Schmetterlingsdamen ein besonderes Livealbum heraus. Das aufgenommene Konzert wurde schon lange vorher mit der Aufnahme beworben. Es wurde im April 2012 im Hamburger Mozartsaal aufgenommen und enthält somit auch Erklärungen zu einzelnen Stücken, humorvolle Anekdoten und natürlich auch den Gesang des Publikums auf Ukuthula. Besonders gänsehautlastig ist die alte schwedische Ballade "Limu Limu Lima", die live von Aino gesungen wird und durch ein mir unbekanntes Instrument mit schwebenden Tönen begleitet wird. Ihre magische Stimme schwebt durch den Saal und wird später von Hanmaries wunderschönem Geigenspiel abgelöst. "Luister" ist ein unveröffentlichter Song auf dem Album, der wieder auf afrikaans geschrieben wurde und diesmal von Hanmarie auf dem Piano begleitet wird.

Mit "Tiden", das im Jahr 2013 erscheint, gehen Fjarill noch einmal ganz neue Wege. Sie gehen mit der "Zeit" und holen sich Mitglieder des Tingvalltrios an Bord. Darunter der Ehemann von Hanmarie, Jürgen Spiegel, der bereits auch schon auf anderen Alben der beiden das Schlagzeug gespielt hat. Hier steht der Rhythmus mit einem Mal jedoch deutlicher im Vordergrund. Schon mit dem ersten Song wird die Veränderung klar - mit "Jag närmar mig" nähert man sich der klaren Stimme Ainos plötzlich mit einer starken Dynamik. Der Song vermittelt zudem mehr Kraft und Stärke, obwohl er inhaltlich auch zu den Liebesliedern gezählt werden kann. Hier spielt die Geige allerdings nicht mehr die erste Geige. Sie taucht erst wieder im schwungvollen Titelsong "Tiden" auf, um uns ganz andere Saiten von ihr zu zeigen. Frisch gestrichen vergeht die Zeit, sie rollt wie ein Zug durch unser Leben und nimmt alles mit, einen Rückwärtsgang gibt es nicht. Zum ersten Mal muten Fjarills Songs als flotte Tanzlieder an, lassen uns mit verstärkt mit den Füßen wippen und durch die Wohnung hüpfen. Die Vergänglichkeit, Erinnerungen, Altern, Kindheit - all das wird auf Tiden thematisiert. Und damit passt sie genau zu vielen aktuellen Songs und Alben andere genialer Musiker. Ich als Steampunkfan greife das Thema in meinen Bildern und Bastelein immer wieder gerne auf und genieße die Texte dieser Songs besonders. Wer auf dem Album die geigenlastigen Songs etwas vermisst, sollte sich vor allem "Planet" ganz genau anhören. Auch hier ist mehr Dynamik eingezogen, was den melancholischen Klängen jedoch keinen Abbruch tut. Ein wenig exotisch kommt "Vilda Jord" daher, geht es hier ja auch um die Wilde Erde, auf der wir leben. Dieser Song gibt auch das Experimentelle wieder, das man sonst eher auf Konzerten von den beiden hört. "Aards" ist ein wunderschöner verträumter Song, in dem Aino über ihre Heimat und das damit verbundene Heimweh singt. Es klingt wie eine idyllische Kindheit inmitten einer tollen Familie und ganz viel Natur. Im "Pippi Langstrump Rondo" nimmt uns Aino mit in Pippi Langstrumpf's unbeschwerte Welt - ein Aufruf, sich Kindliches zu bewahren. Auf diesem Album wird deutlich: Jede Sekunde des Lebens zählt - "Elke Second".

Links und Quellenangaben:

Die offizielle Homepage von Fjarill

Die Facebookseite von Fjarill.

About Jazz - Tiden Review



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Zuletzt aktualisiert am 08.11.2013
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