Árstíðir - Isländische Männerharmonien und Streicher für die Seele

Árstíðir begegneten mir, als ich schon einige skandinavische Formationen kannte. Ursprünglich sollte an dieser Stelle die Band Valravn vorgestellt werden, die sich aber leider im Sommer 2013 aufgelöst hat. Was aus ihr wird und vor allem, ob deren Frontsängerin eventuell solo weitermachen wird, ist noch unklar. Falls es da ein Nachfolgeprojekt gibt, werde ich sicherlich berichten. Die isländische Band Árstíðir jedoch entdeckte ich später - im November 2012. Die Musik passte mal wieder wie gestochen in mein Leben. Es waren die letzten zwei Monate meines Vaters und die Musik konnte sanft, aber dynamisch sein. Sie bestand fast nur aus melancholischen Tönen, die die Jahreszeit so unterstreichten. Zudem singen die sechs Jungs zu einem großen Teil in ihrer Heimatsprache. Ich verstehe davon eigentlich fast nichts, außer ein paar wenige Wörter, die den Schwedischen ähneln. Aber auch hier gilt ähnlich wie bei Fjarill: Die Musik stellt selbst die eigentliche Botschaft dar, die Worte muss man nicht wirklich verstehen.

Árstíðir ist also eine Kammerfolkband aus sechs jungen Männern, die im Jahre 2008 in Reykjavík starteten. Zunächst waren sie nur zu dritt - Daníel Auðunsson, Gunnar Már Jakobsson und Ragnar Ólafsson, die sich in einem Musikcafé fanden und kurze Zeit später als Vorband für Sigur Rós spielen durften. Während ihrer Tour als Begleitband fand sich auch das vierte Bandmitglied, der Cellist Hallgrímur Jónas Jensson. Mit der ersten Single "Sunday Morning" schlugen sie auch direkt in den isländischen Charts ein, so dass sie Platz 1 ergattern konnten. Im Dezember 2008 folgte eine erste Live-EP, die in der Fríkirkjan Kirche in Reykjavík aufgenommen wurde. Erst im Jahr 2009 vervollständigte sich die Band um den Pianisten Jón Elisson und den Violinisten Karl Pestka. Im selben Jahr wurde ihr Debutalbum veröffentlicht und die Jungs tourten durch Island und spielten auf verschiedenen Festivals. Im Jahr 2010 erreichte das Album auch in Schweden Erfolg und die Band spielte erstmals im schwedischen Fernsehen. Somit weitete sich ihr Tourplan auf Skandinavien und Russland. Das große Feedback durch die Medien führte zu einem weiteren Bekanntheitsgrad. Im Jahre 2011 arbeitete die Band an ihrem zweiten Album "Svefns og Vokü skil", das im Jahr 2012 erschien. Der Produzent war Ólafur Arnalds, ein bekannter isländischer Pianist. In diesem Jahr machten sie auch endlich den ersten Schritt nach Deutschland durch zwei Auftritte auf dem Bardentreffen in Nürnberg. Glücklicherweise unterschrieb die Band einen Lizenzvertrag mit dem deutschen Label "Beste Unterhaltung", so dass die Alben hier auch erhältlich sind. Somit waren die ersten Verbindungen zum europäischen Kontinent geschaffen. Sie tourten zudem durch die Tcheschische Republik und Österreich und später noch einmal durch Russland.

Das erste Mal habe ich sie live im September 2013 erlebt. Sie spielten im BürgerBahnhof Wuppertal, einer kleinen Location, die Konzertreihen mit ehrenamtlichen Engangement anbietet. Es war eine kleine kuschelige Location mit einer kleinen Bünhe, auf der die sechs Musiker hintereinander standen oder saßen, um genug Platz für ihre Instrumente zu haben. Der kleine Raum war gefüllt mit Leuten und wir hatten Glück, noch gerade so die letzten Tickets zu ergattern. Im direkten Blickfeld hatte ich dabei erstmal nur die drei Gründungsmitglieder mit ihren Gitarren. Dahinter saßen und standen jeweils der Cellist und der Violinist sowie der Pianist, der leider völlig aus meinem Blickwinkel fiel. Das Konzert war von Anfang an ein sehr ruhiges, bei dem auch das Publikum mit viel Muße zuhörte und die Musiker hier und da versuchten, die Bedeutung der isländischen Titel zu übersetzen. Das sie gerne und oft in Deutschland spielen, haben sie in den letzten zwei Jahren bereits bewiesen. Für ihre wunderschöne Musik bekamen sie hier in Deutschland den Folkmusikpreis am Plauener Folkherbst verliehen. Auf dem Konzert wirkte alles sehr professionell und äußerst harmonisch - Stimmen und Instrumente passten immer zusammen und zwischendurch gab es auch das eine oder andere A Capella Stück zu hören. Zum Schluss sangen sie mitten in der Menge ein isländisches Trinklied, das irgendwie gut in Tolkien's Welt gepasst hätte. Leider haben wir die beste Zugabe nach dem Konzert verpasst. Als wir schon durch die Türe waren, haben die Musiker die leere Bahnhofshalle als natürliches Hallgerät entdeckt und sich im Kreis aufgestellt und eine wunderschöne isländische Ballade gesungen. Immerhin gibt es davon eine Videoaufnahme, so dass der einzigartige Moment wiederholbar ist: Heyr himna smiður.

Auch nach dem Konzert saßen die Musiker noch eine Weile im Vorraum des BürgerBahnhofs und unterschrieben fleißig Cd's und Plakate. Die sechs Musiker sind am Boden geblieben, trotz ihrem großartigen Talent. Ihr Debutalbum ist übrigens gar nicht so melancholisch wie der Nachfolger. Sie starten mit einem ruhigen Song namens "Ages" mit mehrstimmigem Gesang und Gitarrenspiel, das später durch die Streicher unterstützt wird. Der Sprachmix zwischen Englisch und Isländisch ist genau ausgewogen und lässt eben sowohl Fremdes wie auch Vertrautes zu. Mein absolutes Lieblingslied dieser Cd heißt übrigens "Látum okkur sjá". Warum? Weil die Strophen von verschiedenen Musikern übernommen wird und so die Vielfalt der Stimmen deutlich wird. Zudem ist der Refrain äußerst harmonisch und das Ganze hat einen solch verträumten Charakter, das man schnell den Alltag vergessen kann. Später sind hier auch wieder die Streicher zu hören. Danach folgt ein wahrer Ohrwurm, der eher nach Rock klingt - "Kill us". Aber auch die Klavierballade "Vonarneisti" hat eine ganz spezielle Wirkung. Alles in allem klingt das Debut melancholisch, aber sehr viel leichter als der Nachfolger und eignet sich somit auch als Einstiegs-Cd.

Im Jahre 2011 arbeiteten Árstíðir bereits an ihrem zweiten Album "Svefns og Vokü skil". Dieses Album wirkte phantasievoll, war aber wesentlich düsterer, als sein Vorgänger. Auch hier gibt es eine ausgewogene Mischung zwischen isländischen und englischen Songs zu hören. Das Album startet mit dem ruhigen "Ljod i sand", das bereits mit ruhigen Gitarrenklängen und sanften Streicherklängen ins Ohr geht. Mit "Lost in you" wird es schon deutlich melancholischer - es beginnt mit Klavier und Gitarren und wird zum Ende hin dynamischer - mit harmonischem Gesang und dramatischen Streichern. Gerade bei diesem Album werden die unterschiedlichen Stimmen der Bandmitglieder durch Sologesang sehr deutlich. Die Dramatik und Melancholie der Stücke nehmen zum Ende immer mehr zu. Spätestens bei dem Stück "Shades" findet man sich in einem Streicherrock-Soundtrack wieder, der ganz sich ganz besonders von allen anderen Stücken abhebt. Dieser Song könnte aus einem Film sein und eine dramatische Szene darstellen. Im Originalvideo sieht es aber eher nach einer Jagd aus, deren Spaß oder Ernst man nicht immer erkennen kann. Ich mag dieses Stück ab und an gerne aufdrehen und dazu tanzen, denn der Rhythmus und die rhythmisch klingenden Streicher animieren zu allem anderen, aber nicht zum sitzen bleiben.Bei diesem Stück sind die Bögen der Musiker auch deutlich strapaziert worden. Sie erinnerten hinterher an den zerfetzten Bogen von Seth Lakeman, wenn er Kitty Jay spielt. Das Album schließt mit "Tarin", einem sehr traurigen Stück, das an dunkle Wintertage auf Island erinnert, an denen es nie richtig hell wird. Wer diesen musikalischen Melancholiegrad nicht ganz so gut erträgt, dem rate ich die Shufflefunktion bei diesem Album einzuschalten.

Ich hoffe, dass ich noch viele schöne Konzerte mit Árstíðir erleben kann und freue mich natürlich auch auf die nächste Cd. Bis dahin rate ich euch, in die beiden Alben reinzuhören. Sie sind bei Amazon derzeit günstig zu kaufen und lohnen sich allemal.

Links und Quellenangaben:

Die offizielle Homepage von Árstíðir

Die Biographie der Band bei Beste Unterhaltung..

Ein Interview mit der Band auf Metal-district



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Zuletzt aktualisiert am 12.01.2014
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