Holle - viele Namen, viele Gesichter und doch eine Göttin

Mutter, Jungfrau, Alte Weise,
gehen Hand in Hand,
um den Lebensfaden zu spinnen,
der dein Schicksal bestimmt.

von Ilonka

Wer kennt sie nicht - die Märchenfigur Frau Holle? Doch wer weiß schon, dass die dort beschriebene Frau nicht nur eine Erfindung der Gebrüder Grimm ist, sondern unter vielen Namen in verschiedenen Ländern Europas als Göttin und Kultfigur auftaucht? Wer sich auch immer hinter Holle, Holda, Hulda, Perchta, Ver Helle, Hel und vielen anderen Bezeichnungen verbirgt, erfüllt bis in die heutige Zeit eine Aufgabe: Zu richten und zu lenken, Fleiß zu belohnen und Faulheit zu bestrafen.

Unsere Frau Holle, wie wir sie aus dem Märchen der Gebrüder Grimm kennen, wurde zusammen mit anderen Märchen 1812 in Grimm`s "Kinder- und Hausmärchen 1. Teil" veröffentlicht. Durch jahrelanges Zusammentragen der Geschichten bekam die Frau Holle in diesem Märchen eine klar definierte Gestalt. Holle (Holda) Sie nahm zwei junge Mädchen in ihrem Haus und ihrem Reich auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die eine hübsch und fleißig, die andere hässlich und faul. Der ersten fiel die Spindel, an der sie gerade arbeitete in den nahestehenden Brunnen und sie wurde von der bösen Stiefmutter angewiesen, diese wieder aus dem Brunnen herauszuziehen. Also sprang sie in den Brunnen und landete nicht in einem dunklen Gewässer, sondern auf einer schönen Blumenwiese, von der aus sie an verschiedenen, sprechenden Objekten vorbeiging. Sie erfüllte alle Wünsche der Dinge am Wegesrand und gelangte schließlich an das Haus der Frau Holle. Meist wird ihr Äußeres eher unschön beschrieben, sie soll ein eher abschreckendes Mütterchen mit großen Zähnen gewesen sein. Doch als sie das Mädchen bat, bei ihr in die Dienste zu treten, fürchtete sich die Fleißige nicht mehr. Sie schüttelte der Frau Holle jeden Tag die Kissen, damit es auf der Erde schneien konnte. Nach ihrem "Einsatz", auf dem Weg nach Hause wurde sie durch ein Tor geführt, von dem sie mit einem Goldregen für ihre Arbeit belohnt wurde. Sie kam als "goldene Jungfrau" in ihrem zu Hause an und musste natürlich Mutter und Schwester Bericht über ihre Erlebnisse erstatten. Das führte dazu, dass sich die faule Schwester ebenfalls als Arbeiterin bei Frau Holle belohnen lassen wollte. Nachdem sie also in den Brunnen gesprungen war, kam sie auf der Blumenwiese an und begegnete zwangsläufig denselben Objekten wie der Schwester. Doch sie erfüllte deren nötige Wünsche nicht und kam unverrichteter Dinge am Haus von Frau Holle an. Diese nahm sie aber genauso auf wie die fleißige Schwester. Leider tat die Faule nach kurzer Zeit keinen Handschlag mehr und wurde so von der Frau Holle quasi vom Dienst "suspendiert". Optimistisch, wie die Faule war, rechnete sie am Tor mit der goldenen Belohnung, doch sie wurde von einem schwarzen Pech-Regen überschüttet, der nun für immer an ihr haften sollte. So kehrt sie gekniggt zur Stiefmutter zurück.

Das Märchen könnte verschiedentlich interpretiert werden. Der Sprung oder die Reise durch den Brunnen könnte jedoch als Reise in die Anders- oder Unterwelt interpretiert werden und die Aufgaben, die die Mädchen zu erfüllen haben, als Prüfung für ihr weiteres Schicksal. In der germanischen Mythologie regiert die Todesgöttin "Hel" in ihrem Totenreich, in das nur diejenigen Einlass finden, die sich keiner Heldentat rühmen können. Auch hier gilt "Ohne Fleiß kein Preis", denn nur die ruhmreich gefallenen Krieger dürfen durch Odin in das Reich "Walhalla". Doch Hels Reich ist keine brennende Flammenhölle. Der Übergang in ihr Reich bedeutet zwar keinen Überfluss, dem Toten soll es jedoch an nichts fehlen. Der Gott Balder kam durch ein Unglück mit seiner Frau ins Totenreich und sollte von dort wieder erlöst werden. Doch die Hel stellte eine Bedingung an alle Wesen der Erde, die die Götter nicht ganz zu erfüllen zu vermochten: Jedes Wesen auf der Welt sollte Tränen der Trauer um Balder vergießen, nicht ein Einziges durfte sich diesen Gefühlen entziehen. Die Bedingung konnte jedoch nicht erfüllt werden, da sich Wiedersacher Loki der Trauer wiedersetzte. Somit war das Urteil der Hel über Balders weiteren Verbleib im Totenreich gefällt.

Der Vergleich dieser beiden Geschichten zeigt eine Ähnlichkeit in der Funktion der beiden Figuren Holle und Hel, die sie als machtvolle Richterinnen über das Schicksal von verschiedenen Wesensarten darstellt. Ob sie nun als schneebringendes Mütterchen auftaucht, oder als finstere Totengöttin, ihr Einfluss war und ist prägend für verschiedene Kulturen und Bräuche. Holle ist ein Wesen der Unterwelt und wohnt unter Seen, Brunnen, Bergen und wie es der Name schon verrät: unterm "Hollerbusch", auch bekannt als Holunderbusch. Das Wohnen unter der Erde bringt ihr also auch einen Titel als Erdmutter ein und damit einen Hauch von in der Erde schlummernder Fruchtbarkeit, die sie schützt und erneuert. Daher hat die Göttin Holle ihren festen Platz in Winterbräuchen- und Festen. Die sogenannte "Ruhe-Zeit", die mit dem keltischen Jahreswechsel an Samhain beginnt, wird über das Jul-Fest bis zu Lichtmess am 2. Februar zelebriert. Zu dieser Zeit ruht die Erde scheinbar und der Boden ist oftmals gefroren. Das Leben spielt sich bei uns im Haus und bei der Tier- und Pflanzenwelt vielfach unter der Erde ab. Das führt dazu, dass sich auch unsere Gedanken nach innen richten. Wir horchen in unseren Körper und vor allem in unsere Seele, um herauszukriegen, ob alles "intakt" ist und was einer Verbesserung bedarf. Gleichzeitig bereiten wir uns wieder auf die hellen, aktiven Zeiten des Jahres vor, was auch Entscheidungen ans Licht bringt.

Holle kann uns bei Entscheidungen helfen. Wir lernen,unsere Argumente abzuwiegen und zu erkennen, welcher Weg für uns intuitiv der bessere Weg ist. Da wir in ihr eine Basis finden, die sich wie Mutterboden für uns anfühlt, können wir sie anrufen, um uns den Weg zu unseren Zielen zu ebnen. Gleichzeitig kann uns die Göttin für die Durchführung eines Projekts mehr Konsequenz und Durchsetzungsvermögen mitgeben. Doch nicht nur für berufliche Erfolge, sondern auch für den Schutz des Hauses und des Hausrates ist die Göttin zuständig, von Garten und Balkon ganz zu Schweigen. Die praktischen Dinge sind schließlich die vorrangingen Eigenschaften, die mit dem Element Erde zu tun haben und so sollten sie bei Ritualen für die Göttin auch im Vordergrund stehen. Was uns bei einem solchen Ritual dient? Ein paar Zweige vom Holunderbusch (möglichst die, die auf der Erde liegen), Früchte oder Blüten, je nach Jahreszeit. Ein Schälchen mit Erde, ein Wollknäuel oder eine Spindel als Symbol der Schicksalsspinnerin.

Während die "Holle" eher im skandinavischen und norddeutschen Raum bekannt ist, kennt man im slawischen, süddeutschen und alpenländischen Raum die "Perchta", die mit einer ganzen Reihe Bräuchen geehrt wird. Dabei kommen eine Reihe düstere Attributte zu Tage, aber auch die der Wettersfrau, die zu der Zeit der Rauhnächte (zwischen Wintersonnenwende und Neujahr) mit Odins Totenzug auf die Reise geht und für das Winterwetter mitverantwortlich gemacht wird. Die Gedanken an "Odins Wilde Jagd" während der Rauhnächte bewegte die Menschen, Perchtenläufe zwischen den Jahren zu veranstalten. Schöne, aber auch düstere Masken werden dabei in einer Art "Faschings-Umzug" zur Schau gestellt, die böse Geister vetreiben sollten. Die Percht hat vor allem in Österreich überlebt, dient aber nicht immer dem Zwecke der Tradition, sondern dem des Tourismus. Im Salzkammergut dürfen sich die Menschen am 6. Januar als "Percht" verkleiden und andere besuchen, um festzustellen, ob ihre Häuser sauber sind, dabei werden sie oftmals bewirtet. Die Glocke, die der Percht stehts dabei hat, steht für die Winteraustreibung. Beim sogenannten "Krampuslaufen", eine abgewandelte Form der Percht, kommt es in einigen Regionen leider auch immer wieder zu Auschreitungen mit Alkohol-Konsum.

Mir begegnet die Holle nicht nur als altes Weib, als Todesgöttin oder als Erdmutter, sondern auch als schelmisches junges Mädchen, dass mit ihrer fröhlichen Art die Welt verändern kann. Wie ich mir sie vorstelle, seht ihr an meinem beigefügten Bild.

Quellen:
"Germanische Götter- und Heldensagen" neu erzählt von Reiner Tetzner - Reclam-Verlag
"Die geweihten Nächte" von Björn Ulbrich und Holger Gerwin - Arun-Verlag
www.sungaya.de
www.wikipedia.de



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Zuletzt aktualisiert am 29.12.2006
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