Blickpunkt

 

Datum: 27.11.2004

Drei Jahre in einem Tag

Viel Zeit ist vergangen, nicht nur seit dem letzten Blickpunkt. Aber die Zeit war wichtig, auch um ein Thema zu finden, über das ich hier und jetzt schreiben möchte. Heute dreht sich alles um eine Freundschaft, die schon lange existiert. Um untergetauchte Menschen, die ganz plötzlich wieder auf der Bildfläche erscheinen, nachdem man sie fast schon "aufgegeben" hat. Dieses Thema werden einige kennen. Es ist ein Wiedersehen mit der Vergangenheit.

Da steht sie nun, die alte Freundin, die Seelenverwandte, nach 3 Jahren wie aus dem Nichts wieder aufgetaucht. Gut sieht sie aus, aber auch anders. Die Haare sind länger geworden, das Gesicht weicher aber auch weiblicher. Es bleibt nicht mehr viel von den einstigen wilden Zügen. Drei Jahre haben aus der eher rebellischen Gefährtin ein eher gelasserneres Bild gemacht. Und ich frage mich, wo war ich all die Jahre? Sieht sie mich genauso? Eine äußerliche Veränderung ist nicht so deutlich, denke ich.

Sie und ich kennen uns jetzt seit fast genau sechs Jahren. Sie stammt aus dem Osten, ich aus dem Westen. Irgendwo in der Mitte unseres Landes sind wir uns begegnet. Anfangs waren wir nur Kollegen, doch durch die Härte der Situation wurden aus Kollegen echte Freunde. Die Erinnerungen daran sind immer noch und fast bis ins Detail gut erhalten. Viele Jahre gab es nur den Briefwechsel zwischen uns, Internet war noch kein Thema auf beiden Seiten. Wir gingen beide wieder in unsere Heimat zurück. Ich absolvierte meine Ausbildung, sie arbeitete in verschiedenen Betrieben. Wir teilten fast alles miteinander, wenn auch verzögert. Besuche gab es nicht soviele, Zeit und Geld waren meistens nicht vorhanden. Sie lernte ein Stück von meiner Welt, ich von ihrer kennen.

Doch nach einigen Briefen in den Osten kam nichts zurück. Kein Wort, kein Anruf. "Was ist da bloß los?" fragte ich mich nach einer Weile. Doch eine richtige Antwort bekam ich nicht. Ein Anruf an Weihnachten 2001, danach wieder Stille. Ich schrieb immer wieder ein paar kurze Textnachichten im Abstand von ein paar Monaten. Ich erfuhr nur, dass ihr Leben von ihrer harten Arbeit ausgefüllt war. Viel Zeit für Briefe und ähnlichem war da nicht mehr. Zunächst ist man ein bißchen sauer, ein bißchen enttäuscht, dass der Draht einfach abreißt.

Im Sommer 2003 war ich allerdings ganz in ihrer Nähe. Auf der Durchreise von Stralsund ins Erzgebirge machte ich halt in der Stadt, in der sie zumindest noch vor ein paar Jahren gewohnt hatte. Das Haus stand noch, der Name am Klingelschild war nicht von einem anderen ersetzt worden. Die Schuhe standen vor der Tür. Doch auf mein Klingeln und Klopfen öffnete niemand und dabei sah es so bewohnt aus. Merkwürdig. Doch wenn schon keiner zu Hause war, mußte ich wenigstens eine Nachricht hinterlassen. Ein kurzer Brief mit Angabe meiner Adresse und Telefon-Nr. landete in ihrem Briefkasten. Doch die Hoffnung war gering, dass sie sich wirklich melden würde.

Ich wartete die nächste Woche über gespannt und starrte immer wieder auf mein Handy. Doch nichts geschah. Eines Tages, Wochen später, saß ich bei Bekannten auf der Terasse und erhielt eine Nachricht. Die Verschollene meldete sich zurück. Eine Endschuldigung und eine Erklärung. Ich war fast aus dem Häuschen. Meine Freundin arbeitete wohl damals außerhalb ihrer Stadt und war in dieser Zeit nur selten zu Hause. Das war nachvollziehbar. Denn wie oft habe ich selbst einen Brief begonnen, um ihn dann irgendwo liegenzulassen...

Nach diesem Ereignis meldete sie sich wieder ein paar Wochen später per Telefon. Auch hier wurde ich nur mit Veränderungen am anderen Ende abgespeist. Und es kamen natürlich Fragen nach Familie oder Arbeit. Ab dieser Zeit hatte ich endlich wieder die Gewissheit, dass es meiner Freundin gut ging und das sie den Kontakt nicht mutwillig abbrechen wollte. Im Oktober 2004, ein Jahr darauf kam dann überraschend ein weiterer Anruf von ihr. Sie würde Ende November nach Nordrhein-Westfalen kommen und eine Bekannte besuchen. So würde sie sich dann auch auf den Weg nach Bonn machen, um mich wiederzusehen. Das war natürlich ein Ereignis.

Die Woche vor ihrem Besuch traf dann ein zweiseitiger Brief bei mir ein, teils handgeschrieben, teils mit Computer und auch mit Fotos versehen. Endlich mal wieder Bilder und endlich die Erkärungen, was die letzten drei Jahre so geschehen war. Nach diesem Brief hatte ich tiefen Respekt vor meiner Freundin und konnte ihr die lange Ruhezeit verzeihen. Gestern war es dann soweit: Am Bahnhof holte ich ein Mädchen ab, das kaum noch wie ein Mädchen wirkte (immerhin ist sie ein paar Jahre jünger als ich ;-). Die Anziehungskarft hat sie doch keinesfalls verloren.

Wir bummelten durch die Stadt, gingen ins Museum, über den Weihnachtsmarkt, ins Restaurant und ins Pub. Ein ganzer Tag kann natürlich drei Jahre nicht ersetzten. Aber er kann Veränderungen zeigen, Erinnerungen wachrufen und Freundschaft verstärken, wie ein Spiegel. Auch er wirft all das zurück was ich bin und wie ich mich in anderen sehe.

Bis demnächst,

Ilonka

 


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Zuletzt aktualisiert am 27.11.2004
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