Blickpunkt

 

Datum: 19.03.2005

Ostalgie im Supermarkt

Im Sommer 2003 räumte ich die Regale des ostdeutschen Discounters Netto leer und den Kofferraum des Autos voll. Kurz vor der Rückreise von Pirna bei Dresden waren ostdeutsche "Hamsterkäufe" angesagt. Zu dieser Zeit gab es nämlich in westdeutschen Supermärkten so gut wie keine ostdeutschen Lebensmittel, bzw. Lebensmittelmarken aus der DDR-Zeit. Noch waren sie bei uns Wessis weitgehend unbekannt und leider auch völlig unterschätzt. Doch durch Verwandtenbesuche lernte ich so Einiges kennen. Und so wurde sich im Urlaub mit der notwendigen Kost eingedeckt.

Im Einkaufswagen landeten (Achtung, Werbung) meine geliebten Knusperflocken von Zetti, das Dresdner Russisch Brot sowie Knäckebrot und Kakao-Kekse. Dazu ein ganzes Pack Waldmeister-Brause. Zugegeben, ich habe die zwanzig Tüten Knusperflocken nicht allein und alle auf einmal verspeist. Nein, normalerweise ernähre ich mich gesund. Aber in den ostdeutschen Landen kann man, was Süßkram angeht, schon mal mächtig schwach werden.

Jetzt entwickelt sich jedoch ein starker Trend in Richtung Ost-Produkte. Nicht nur der Kult-Film "Good-Bye Lenin!" hat dazu beigetragen, dass Spreewaldgurken in westdeutschen Supermarkt-Regalen stehen, auch die nötige Begeisterung und den Respekt der Ost-Produkte haben sich die Wessis jetzt scheinbar angeeignet. Aber lassen wir mal das "Ossi-Wessi"-Getue weg. Schließlich sind wir ja immerhin ein Deutschland. Und kulturelle Unterschiede sollte es so jedenfalls eigentlich nicht geben. Aber was jahrelang für meine westdeutsche Umgebung nicht nachzuvollziehen war, scheint sich jetzt durchzusetzen: Die ehemaligen DDR-Produkte schmecken gut und haben einfach einen traditionsbewussten, qualitativen Hintergrund. Deswegen werden sie inzwischen auch hierzulande immer mehr verkauft.

Profitieren tun davon vor allem die beiden westdeutschen "Ossiläden" in Köln und München. Der Name "Ossiladen" ist sogar geschützt. Und das Konzept scheint aufzugehen: Die Läden laufen. In dem Kölner Ossiladen habe ich selbst schon oft meine Einkäufe getätigt. Wenn ich mit drei Packungen "Thüringer Neun-Kräuter-Tee" der Lieblingsmarke "Goldmännchen" an die Kasse komme, fragt sich der Ladenbesitzer immer, was ich mit soviel Tee anfange. Aber der Vorrat ist schnell verbraucht und der Weg nach Köln nun mal weit. Der Besuch lohnt sich, denn nicht nur die gewünschten Lebensmittel sind vorhanden, sondern auch jede Menge Drogerie-Artikel und Bücher, T-Shirts, Postkarten und und und... Der Goldmännchen-Tee ist allerdings bis jetzt in westdeutschen Supermärkten nicht erhältlich - dafür aber in größeren Gastronomie-Betrieben und zum Beispiel Jugendherbergen.

Nicht nur die ostdeutschen "Immis" werden den Laden betreten, sondern auch viele, neugierig gewordene Rheinländer und Co. Und wer denkt, dass man in den neuen Bundesländern längst an westdeutschen Produkten hängt, der irrt. Noch immer werden die gewohnten DDR-Produkte verkauft, die fast überall zu haben sind. Ich kann das mit gutem Gewissen behaupten, da ich "Verbindungen" nach Leipzig, Pirna und Eberswalde habe....

Bei den Ost-Produkten spielt jedoch ganz klar der emotionale Kauf-Wunsch im Vordergrund. Rationales Einkaufsverhalten ist hierbei eher nebensächlich. Die Kunden kaufen aus Neugier, aus Erinnerung und aus Erfahrung. Vor allem aber die Erinnerung mag eine Rolle spielen. Entweder sind es für den einen (wie für mich) die Erinnerungen an die Freunde und Verwandte im Osten oder auch an den letzten Urlaub. Für den anderen sind es vielleicht heimatliche Assoziationen, Erinnerungen an die Kindheit und Jugend. Hier trifft Historie auf Moderne und verschiedenste Generationen haben Teil an der Wiederauferstehung der DDR - wenn auch nur auf Regale und Ladenlokale begrenzt.

Und auch wenn es in der Produktion gut läuft, hat der Einzelhändler oft das nachsehen. Die Lieferungen kommen mengenmäßig nicht immer wie gewünscht, was wohl so manchen an die alten Zeiten erinnern mag. Das tut der Nachfrage und der Kaufkraft jedoch keinen Abbruch, denn es gibt genug Stammkunden und solche, die es noch werden wollen.

Mein Tipp:
Besucht doch mal den Ossi-Laden in der Kölner Breite Straße (WDR-Arkaden, Untergeschoß)

Bis demnächst,

Ilonka


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Zuletzt aktualisiert am 19.03.2005
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