Blickpunkt

 

Datum: 19.01.2006

Bürger für den Bahnhof - Über die Abschlusstagung der Bürgerwerkstatt Bonn am 17.01.2006


Wer glaubt, eine solche Veranstaltung wäre dem Namen nach langweilig und nichts für "Normalsterbliche", die nichts zu sagen hätten, der irrt. Auf der Abschlusskonferenz der Bürgerwerkstatt Bonn kamen die Bonner und natürlich auch Nichtbonner Bürger zusammen, um das Projekt "Bahnhof" neu anzugehen. Es geht darum, eine Umgestaltung des Bahnhofsbereiches zu planen, der allen Bürgern (oder zumindest fast allen) gerecht wird.

Am 18. Oktober 2005 rief die Bürgerwerkstatt zu einer "Open Space Konferenz" im Bonner Brückenforum auf, bei dem Bürger und Institutionen Gelegenheit bekamen, Ideen und Vorschläge zu äußern. Es sammelten sich sehr viele Beschreibungen und Zeichnungen an, die dann von Vertretern aller Interessenbereiche (Arbeitsgruppen) bei der Zukunftskonferenz zusammenfließen und ein Gesamtkonzept ergeben sollten.

Die Abschlusskonferenz am 17.01.2006 fand in der Aula der Universität Bonn statt und bot ausreichend Platz für das zahlreiche Publikum. Auf den Anmeldungslisten vor dem Saal wurden dann Namen, Institution und Telefon-Nr./E-Mail-Adresse hinterlassen. Klar, dass dabei Vereine und Parteien auch ihr Interesse bekundeten. Nach dem Eintrag in der Liste bekam jeder Teilnehmer, der nicht bei der Stadtverwaltung arbeitet, ein paar rote Klebepunkte in die Hand gedrückt, die für die spätere Bewertung an relevanten Vorschlägen wichtig waren.

Die Verpflegung mit belegten Brötchen und Getränken sollte den Bürger auf die Veranstaltung einstimmen. Dabei konnte man sich direkt an den im Saal stehenden Tafeln über verschiedene Themen des Bahnhofsbereiches informieren. Es wurden Zeitungsartikel veröffentlicht, die den Bau des ehemaligen Hotel Interkontinental, jetzt Südüberbauung, dokumentierten. Dieser große Komplex vor dem Hauptbahnhof wurde in den Siebziger Jahren erbaut und erweist sich bis heute als "Bausünde". Zudem gab es auf den vorderen Infotafeln nochmals Vorschläge der Bürger und Informationen wie z.B. zum sozialen Bereich.


Um 18:30 Uhr nahm man auf den Stühlen Platz, um das weitere Programm zu verfolgen. Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung der Ziele kamen die Arbeitsgruppen nacheinander auf die Bühne, um dem Publikum ihre Vorschläge zu unterbreiten. Zunächst wurden gemeinsame Ziele, wie z.B. Verbesserung für Fußgänger, die Achse zwischen Poststraße und Bahnhof betonen, den Rückbau oder Abriss der Südüberbauung einzuleiten usw. vorgestellt. Danach beschäftigten sich die AGs intensiver mit dem Individualverkehr, dem ZOB (Zentraler Omnibusbahnhof), der sozialen Problematik im Bahnhofsbereich, dem Städtebau und der eigentlichen Nutzung von Gebäuden und Plätzen.

Nach dieser Präsentation durften die Bürger ihre roten Punkte verteilen und hatten dafür eine gute Stunde Zeit. Die Info-Tafeln, die um die Aula herum aufgestellt waren, waren numeriert und nach den Zielen und Arbeitsgruppen eingeteilt. Zunächst erfolgte die Beurteilung der gemeinsamen Ziele, bei denen dichtes Gedränge herrschte und sich bereits früh ein Bild davon abzeichnete, was die Bürger für gut befanden und was weniger. Die Themen "Raum vor dem Bahnhof vergrößern", "Achse Poststraße - Bahnhof betonen" sowie eine verbesserte "Weststadtanbindung" kamen gut an. Klar wurde auch, dass die Bürger keine "Schrittweise Umsetzung in Realisierungsstufen" des Projektes wollten, sondern lieber "Sofortmaßnahmen", die eine erste Verbesserung sichtbar machen.


Die "Planungskompetenz" sollte aus Sicht der Bürger bei der Stadt bleiben und die "Mischnutzung" der neuen Bahnhofsgebäude (falls sie entstehen) sollte private und öffentliche Institutionen anbieten. Dazu zählen z.B. Museen, Bildungseinrichtungen wie die VHS, der Einzelhandel oder SWB.


Die AG "Schwerpunkt Individualverkehr" warf viele Fragen auf, wie man die Verkehrsführung rund um den Bahnhof für Fußgänger und Radfahrer verbessern könnte. Sie zeigten zu verschiedenen Konzepten Vor- und Nachteile auf, was die Bürger letztendlich mit "überwiegend geeignet" beurteilten. Die AG "ZOB" hatte bereits in der Präsentation Pläne zu einem Nord-ZOB und einem Süd-ZOB gezeigt, dessen Konzepte sehr unterschiedlich sind. Der Nord-ZOB würde den jetztigen Busbahnhof auf eine Fläche verlagern, die wesentlich kleiner ist, der Süd-ZOB würde den Busbahnhof ein wenig verschieben, bei dem die Südüberbauung allerdings völlig verschwinden würde. Die Bürger befanden die allgemeinen Vorschläge dieser Arbeitgruppe als "hervorragend geeignet" und stimmten eindeutig für die Süd-ZOB-Lösung.


Weitere Vorschläge zum Thema ZOB und Bahnhofsbereich kamen von Bürgern und Architekten, denen schon ein "Boulevard Bahnhof" oder aber ein begrünter Platz auf dem Bonner Loch vorschwebte.

Weiter ging es mit der AG "Möglichkeiten einer Mischnutzung mit Konkretisierung der Nutzfläche", was nichts anderes heißt als die erstmalige Planung des Architekturbüros Blau für den Bahnhofsbereich, der aus vier Gebäudeflächen (A-D) besteht, als Nutzungsfläche zu sehen und dementsprechend über den Inhalt dieser Gebäude nachzudenken. Doch bei dieser stupiden Bebauung, die natürlich die Gründerzeit-Architektur verbergen würde, bleiben Fragen der Finanzierung und der sozialen Probleme im "Bonner Loch" offen. Diese Vorschläge überzeugten die Bürger nur "teilweise".


Der "Städtebau und die Raumgestaltung" erhielt eine überwiegend gute Bewertung, da über Freiflächen, Verkehr aber auch die Architektur gleichermaßen nachgedacht wurde. Das eindeutigste Ergebnis mit 125 Für- und Einer Gegenstimme erzielte die AG "Strategie Rückbau und Abriss der Südüberbauung", was eigentlich absehbar war. Nicht sehr wichtig erschien den Bürgern dagegen die "Soziale Problematik", die mit dem Umbau des Bahnhofsbereichs verbunden wäre. Mehr Ordnungskräfte sowie ein Alkoholverbot im Bonner Loch waren die zentralen Themen. Doch ob harte Maßnahmen nicht eine Verdrängung der Obdachlosen und Drogenabhängigen in andere Stadtteile zur Folge hätte, wurde auch diskutiert.


Die AG "Sofortmaßnahmen" drängte zu einer Tendenz, die aus dem Bonner Loch einen sauberen Treffpunkt mit Unterhaltungswert machen würde. Hierbei wurden Aufräumarbeiten als erste Maßnahmen in den Vordergrund gestellt. Fahrradleichen, langweilige Blumenkübel und "Stolpersteine" für Fußgänger sollten verschwinden. Der Platz vor dem Bahnhof sollte mit Bühnen und Marktständen wieder belebt werden. Ob ihnen das gelingt? Die Bürger fanden's gut.

Alles in allem heißt es nun: Ärmel hoch, es gibt noch viel zu tun. Wenn die Aufräumarbeiten erst einmal begonnen haben, wird es Zeit, über die sozialen Fragen nachzudenken. Warum nicht mehr Aufenthaltsräume für Obdachlose sowie eine hellere und freundliche Gestaltung des U-Bahn-Bereiches (Bonner Loch) ohne Nischen und Dreckecken? Mehr Aufsicht und bessere Kontrolle sollte vor allem Nachts und an Feiertagen für mehr Sicherheit sorgen - auch auf den U-Bahnsteigen. Der Abriss oder zumindest einen Teil-Abriss der Südüberbbauung wird wohl nach Meinung der Bürger unumgänglich sein. Ein öffentlicher Platz mit Begrünung und Sitzplätzen wäre für das Wohl aller gut, die sich am Bahnhof aufhalten möchten, und ein überdachter Busbahnhof mit verbesserter Fahrgastinformation würde Bonn um Einiges verbessern. Nun heisst wohl erstmal warten und hoffen, denn die Stadt hat immer das letzte Wort.

Bis demnächst,

Ilonka

 


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Zuletzt aktualisiert am 19.01.2006
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