Blickpunkt

 

Datum: 16.07.2006

Der Nachhall der WM 2006

Eine spannende Zeit liegt hinter uns - Deutschland kann wieder durchatmen. Die Weltmeisterschaft 2006 im Austragungsort Deutschland ist vorbei und was ich persönlich von ihr behalten habe, das will ich euch in dieser kurzen Kolumne erzählen. Für mich spielt es letztlich keine Rolle, ob die WM nun bei uns oder in einem anderen Gastgeberland stattfindet, da ich ohnehin keine dieser Weltmeisterschaften und Europameisterschaften im Fußball verpassen will. Doch diesmal kam man ja direkt live mit den Fans in Berührung. Und es waren eben nicht nur die vielen deutschen Fans, sondern auch die zugereisten WM-Touristen, die unsere Städte so bunt und gleichzeitig fremd erschienen ließen.

Meine erste WM in Deutschland ist ein ungewöhnliches Ereignis, denn ich erlebe überall die Freude, den Frust und viele andere Emotionen wirklich direkt mit, egal ob ich nun im Stadion sitzen würde oder eben nur in einem Cafe in der Stadt. Doch mich reizen weder die Deutschland-Fahnen an den Autos, noch Fan-Gesänge alà "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin". Nun ja, die Fahrt nach Berlin wurde umgeleitet nach Stuttgart. Weltuntergang? Nein, dritter Platz und das mit Kahn im Tor. Ich stelle fest, ich bin kein Patriot. Ich mag mein Land, aber ich kann mich dieser allgemeinen Masse nicht anschliessen, nicht nur weil ich seit Jahren Fan der brasilianischen Nationalmannschaft bin.

So saß ich ein wenig zwischen den Stühlen. Weder konnte ich mich wirklich an dem Trubel meiner Landsleute erfreuen, noch empfand ich das Siegesgetaumel als wirklich unzumutbar. Vielleicht waren es die einen oder anderen Fan-Gruppierungen aus deutscher Riege, die mich an das deutsche Verhalten im Ausland - siehe Ballermann - erinnerten und dann diese Vorfreude, die allerorts kräftig mit Alkhohol begossen wurde. In vielen Fällen gefiel mir dieser dadurch gestärkte Übermut der Fans schon vor den Spielen nicht. Das es auch ruhigere Zeitgenossen gab und gibt, das war natürlich auch zu sehen und das stärkte das Bild von Deutschland im Ausland. Sehr vorbildlich haben sich unter anderem die japanischen Fans verhalten, dessen Mannschaft in der schönen Stadt Bonn untergebracht wurde. Von ihnen war auf den Straßen viel zu sehen, aber wenig zu hören, doch fieberten sie anscheinend auch bei anderen Mannschaften kräftig mit (Fähnchen verrieten es...). Auch von den Portugiesen, Brasilianern, Schweden, Mexikanern u.v.a. die hier im Rheinland zu Gast waren, sah man weder gewaltige Enttäuschung noch übertriebene Begeisterung.

Kurz zu den Spielen

Den Heimvorteil hatte die deutsche Mannschaft lange Zeit. Dann folgte das Spiel gegen Italien im Halbfinale und als ob nicht schon Argentinien eine harte Nuss zum Knacken gewesen wäre, so erwiesen sich die Italiener als ein wenig zäher. Somit kann man die beiden Tore auf italienischer Seite eigentlich als verdient ansehen, gerade wenn man bedenkt, dass die Fußballnation Italien in den letzten Meisterschaften etwas unterging. Ich sah dieses Spiel in einem netten italienisch-deutschen Cafe, in dem die Fans bunt gemischt waren. Der gemütliche Laden wurde von einem Personal geführt, dass teilweise italienische und teilweise deutsche Fan-Shirts trug. Eine ideale Stimmung, die für mich auch anhielt, als die Italiener ihre Flagge nach dem ersten Tor rausholten.

Doch schauen wir uns mal ein paar andere Mannschaften und Spiele an. Die Weltmeister von 2002, Brasilien, kamen leider nur zögerlich zum Zug. Die ersten Spiele zeigten keinen Glanzfußball, trotz dem Staraufgebot von Ronaldo, Ronaldinho, Kaka und Co. Lediglich gegen die Japaner schienen sich die Brasilianer anzustrengen, es gab viele schöne Szenen, Tore und auch das eine oder andere Mal den Samba, den jeder Fan wohl gerne sehen wollte. Dann kam der alte Gegner von 1998 wieder - meine erste WM als Brasilien-Fan mit bösen Erinnerungen - und damit das Aus im Viertelfinale. Frankreich machte sich alle Mühe, sich nicht unterbuttern zu lassen. Mir ist es unverständlich geblieben, warum die Brasilianer in diesem Spiel nicht versucht haben, die offene Rechnung mit den Franzosen zu begleichen. Aber wie überraschend diese WM wirklich war, zeigte sich dann später.

Zum ersten Mal konnten auch einige afrikanische Mannschaften an der WM teilnehmen, was die Vorrunde umso spannender machte. Als einzige Mannschaft des großen Kontinents konnte sich Ghana durchsetzen, mußte aber im Spiel gegen Brasilien leider passen. Auch hier hätte ich mir eine andere Gruppenaufteilung gewünscht. Als im Viertelfinale England auf Portugal traf, mußte auch England überaschend gehen. Die besseren Nerven im Elfmeter-Schießen behielten die Portugiesen. Sie waren für mich einer der Highlights dieser WM. Trainer Scolari, der die brasilianische Mannschaft bei der WM 2002 zum Sieg führte, setzte all sein Können ein, um mit der portugiesischen Mannschaft nach vorne zu kommen. Doch auch die Portugiesen konnten sich gegen Frankreich nicht durchsetzen. Das Elfmeter-Tor der Franzosen von Star-Kicker Zidane machte sie zum Sieger des Halbfinales. Portugal war jedoch eindeutig im Ballbesitz, machte einen Torversuch nach dem anderen und keine Gefahr fürchtend, kam auch später der portugiesische Torhüter ins gegnerische Feld, um die Mannschaft zu unterstützen. Leider jedoch erreichten sie keinen Ausgleich und somit gingen die schwächeren Franzosen in Führung.

So trafen die Portugiesen auf die deutsche Mannschaft. Mit anderer Besetzung und zunächst ohne Altmeister Luis Figo, hielten sie die deutsche Mannschaft zunächst in Schach, was sich dann aber in der zweiten Hälfte sehr schnell änderte. In der letzten Viertelstunde schickte Scolari dann endlich seinen Favorit Figo aufs Spielfeld, der mit einem Pass zu Gomez sein letztes Tor machen konnte (es war sein letztes Spiel in einer Meisterschaft). Die Deutschen gewannen dann jedoch mit 3:1. Jubel auf den Plätzen, noch einmal Aufruhr in der Stadt, bevor es ruhig wurde. Ich befand mich gerade in Leipzig und konnte so miterleben, was in der Öffentlichkeit los war. Aber nicht nur deutsche Fans saßen im Publikum. Nein, eine kleine Fan-Gemeinschaft machte es sich auf den Bänken der Moritzbastei bequem. Beim näheren Hinsehen erkannte ich ein Mädel im Deutschland-Outfit, einen Brasilien-Fan und einen kleinen Jungen mit portugiesischer Fahne auf der Backe. Ein wunderschönes Beispiel - siehe Foto oben - für den friedlichen Umgang untereinander, was Kindern meistens leichter fällt, als uns.

Das Finale ohne Deutschland dürfte dann zumindest für die vielen hier lebende Italiener und den angereisten Franzosen sehr interessant gewesen sein. Doch es war ein unruhiges Spiel. Fouls, Verletzungen und immer wieder mal gelbe Karten (ok, kennen wir auch von anderen Spielen). Die Spielstärke der Mannschaften wechselte sich ab, ohne das ein Tor fiel. So mußte das Spiel in die Verlängerung gehen. Dann kam der berühmte Kopfstoß von Zidane, der ihm eine rote Karte einbrachte und ihn vom Spielfeld beförderte. Diese Aktion fand nicht im Zweikampf oder im dichten Gerangel um den Ball statt. Nein, es war eine Gewaltaktion, hervorgegangen aus einer Provokation eines italienischen Spielers namens Materazzi. Und somit ist auch der Starkicker der Franzosen in seinem letzten WM-Spiel mit einem Platzverweis abgetreten. Spätestens ab hier muß man sich die Frage stellen, ob soviel Gewalt gut für den Fußball ist und ob der Rasen nicht mehr und mehr zu einem harten Pflaster wird. Was haben persönliche Differenzen zwischen Spielern, Trainern, Fans, Familien etc. auf dem Spielfeld zu suchen? Von einem Profi sollte man erwarten, dass er sich beherrschen kann und die Probleme möglichst nach dem Spiel angeht. Wir können nur hoffen, dass sowas in Zukunft nicht mehr vorkommt. Die Italiener hatten so nach Ende der Verlängerung die Chance auf den Sieg, den sie mit Elfemter-Schiessen auch bekamen. Sicherlich, es hätte vielleicht schöner zu Ende gehen können. Aber der Anblick von einem italienischen Torwart, der sich in aller Ruhe nach dem Spiel auf einen Stuhl setzte und einem Spieler, der sich vor Begeisterung die Hose auszog, war einfach klasse!

Schade, dass ich den italienischen Jubel in Köln nicht miterleben konnte. In Leipzig war die italienische "Besatzung" eher klein. Aber jetzt kehrt wieder Normalität ein und all die (teilweise) schönen, netten Japaner, Brasilianer, Mexikaner, Schweden, Afrikaner, Portugiesen, Engländer, Franzosen und die, die ich vielleicht nicht gesehen habe, sind wieder zu Hause. Schade eigentlich, dieses Multi-Kulti-Deutschland hat mir gut gefallen. Der eigentliche Reiz dieser WM, dass waren die fremden Gesichter, die Reaktionen, die Geschichten um die Fans. Nicht schön waren die kleinen Gewaltakte und Festnahmen von radikaleren Fans. Aber dank unserer Sicherheitsleute hielt sich die Gewalt in Grenzen. Und somit bin ich mir sicher, dass das nicht die letzte schöne WM in Deutschland war, jetzt gehts aber erstmal weiter in Südafrika!

Zum guten Schluss ein herzliches Dankeschön an die drei kleinen "Foto-Modelle", die mir in Leipzig dieses schöne Foto ermöglicht haben.

Bis demnächst,

Ilonka


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Zuletzt aktualisiert am 16.07.2006
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