Blickpunkt

 

Datum: 08.06.2007

Rockopera, Lightshow und Tori Amos

Tori as PipDie Düsseldorfer Philipshalle am 6.6.2007 gegen 21.00 Uhr: Tori Amos betritt nach Klatschorgien des Publikums die Bühne. Aber wer ist das? Eine schwarzhaarige Frau mit Latexhosen und gelbem Kleid betritt die Bühne. Zusammen mit ihrem Bassist, Schlagzeuger und E-Gitarrist beginnt sie die Show. Der Song Teenage Hustling, der mit einem kurzen und leisen Intro beginnt, wird durch die schmetternden Gitarre zu einer wahren Rockoper. Trotz guter "Vorbereitung" durch das Hören ihres neuen Albums "American Doll Posse" dröhnen einem schon bei den ersten verzerrten Tönen die Ohren. Tori, halb sitzend, halb stehend auf dem Hocker singt mit energischer Stimme ins Mikrofon: "You better know, you better know, you better know, I am at your door." Das Mikrofon muss zusammen mit einem Teil des Publikums eine neue Tori erleben. Die Selbstinszenierung der Künstlerin stellt gleich am Anfang eine ihrer fünf Charaktere des neuen Albums dar. In ihrem Album wird "Pip" uns als dunkle, extreme Person vorgestellt, die der Göttin Athene ähneln soll und kämpferische Züge an sich hat. Diese "schwarze Energie", die nicht zuletzt auch so manchen aus der "schwarzen Szene" zum Konzert gelockt hat, stellt sie überzeugend im ersten Teil ihres Konzertes dar. Es folgen weitere Songs von American Doll Posse, die Tori für Pip geschrieben hat. Sie spielt "Fat Slut" und "Smokey Joe". Ihr Gesicht hinter den Haaren versteckt, lässt sie das Publikum kein Stück mehr erkennen, wer sie wirklich ist. Unterstützt wird ihre "Rock-Opera" von einer gewaltigen Lightshow. Man könnte meinen, dass Tori plötzlich in den Hintergrund getreten ist. Die E-Gitarre dominiert die Musik, was logischerweise auf Kosten des Bösendorfer-Pianos geht.

The real ToriNach vier Songs verlässt sie die Bühne. Wir hören einen Remix von "Professional Window", während sich die Musiker auf die nächsten Songs vorbereiten. Die Bühne wird effektvoll in Szene gesetzt. Auf den weißen Vorhang, der von einem kreisförmigen Vorhang über dem Piano ergänzt wird, werden Muster projeziert. Jeder kann sich denken, dass nun ein anderer "Charakter" auf die Bühne kommt, und im rotglitzernden Bodysuit mit roter Langhaarperücke erscheint nun die Tori auf der Bühne, die wir auch von den Fotos aus dem Album kennen. Das Publikum jubelt, denn so schillernd hat man Tori sicherlich selten gesehen. Sie stellt sich zunächst mit einigen Gesten vor das Publikum, bevor sie sich an den Bösendorfer setzt um mit Schwung den neuen Song "Big Wheel" anzuspielen. Das dynamische Stück hat Tanzcharakter und erinnert ein wenig an die Zeiten, in denen Tori noch durch die Bars Amerikas getourt ist. Nach Big Wheel folgen ältere Songs. "Liquid Diamonds" und "Cornflake Girl" erinnern an die älteren Zeiten und die Songs werden vom Publikum dankbar angenommen, denn spätestens beim zweiten Titel singt jeder mit. Nach diesen Ohrwürmern verzückt sie die Fangemeinde mit unbekannteren Stücken alà "Honey" und "Glory of the 80ts".

Nun wird es noch ruhiger, denn die Musiker verlassen die Bühne und Tori bleibt alleine mit ihrem Flügel auf der Bühne zurück. Auf dem Vorhang erscheint ein Schriftzug namens "T & Bö.", der nach mehrmaligem Fachsimpeln schlicht und einfach als "Tori und Bösendorfer" erkannt wird. Tori fängt an, mehr mit dem Publikum zu sprechen und trägt Improvisationen vor, die provokante Züge haben. Am schönsten ist mir die Ballade "Winter" in Erinnerung und im Ohr geblieben - ein Song aus ihrem zweiten Album "Little Earthquakes", den sie mit Hingabe spielt und der fast sechs Minuten dauert. Dafür erntet sie sehr viel Applaus. Es scheint so, als habe sie inzwischen mit der schwarzhaarigen Dame mit dem ohrenbetäubenden Sound zu Beginn des Konzerts nicht mehr gemeinsam. Erstaunlich, wie sehr sich ihre Musik und ihr ganzes Erscheinungsbild im Laufe eines Abends ständig verändert hat. Das Konzert in der Bonner Kunsthalle, über das ich vor zwei Jahren berichtet habe, habe ich deutlich anders in Erinnerung. Die zarte, rotgelockte Fee Tori, die Songs über ihr Muttersein und die Natur singt, ist verschwunden. Sie spielt "God", ein älteres Stück, dass aber durchaus zu den aktuellen Auseinandersetzungen zur patriarchalischen Religion ihrer Familie passt. Danach kommt sie mit "Code Red" auf ihr aktuelles Album zurück.

Tori & BösendorferNun gehen ersteinmal die Lichter aus, Tori verschwindet mit den Musikern von der Bühne. Das Publikum darf von den Plätzen aufstehen und einige stehen nun direkt vor der Bühne, natürlich von der Security umgeben. Nach Zugabe-Rufen erscheint die strahlende Tori wieder auf der Bühne und nachdem sich der Jubel gelegt hat, beginnt sie ihre erste Zugabe mit "Precious Things", ebenfalls ein Stück ihres zweiten Albums. Das schnelle, rhytmische Stück ist immer noch ein Ohrwurm und wird vom Publikum sehr begrüßt. Einige hysterische Fans hinter mir kreischen "Tori" und versuchen, den Song mit schön-schiefen Tönen zu begleiten. Diejenigen, die die meiste Zeit in den hinteren Reihen saßen sind nun froh um den nahen Blick auf die Bühne und können so auch Toris Outfit einmal aus der Nähe sehen. Tori spielt mit dem Publikum und lässt sich von ihm mitreißen. Sie schaut in die Menge und winkt. Dann überrascht sie die Fans mit "Pancake", einem Stück aus ihrem Album "Scarlets Walk".

Nach einem zweiten Abgang von der Bühne folgen noch einmal ruhigere Stücke. "Tear in your Hand" und "Hey Jupiter" bilden den Abschluss und lassen noch einmal ein paar Töne der Hammondorgel zurück. Am Schluss drängeln sich die Fans noch einmal am Bühnenrand zusammen, um eine Setlist zu bekommen. Wie fast immer gehe ich und viele andere Fans leer aus, da die meisten der eingesammelten Setlist von einer Bühnenarbeiterin hinter die Bühne genommen werden.

Tori Amos
Alle Fotos auf dieser Seite: © 2007 by Roland Frisch
Alles in allem war es diesmal ein sehr spannendes und auch durchaus anstrengendes Konzert. Spannend deshalb, weil es tatsächlich schwer war, bei der genialen Vorband auf den Stühlen sitzen zu bleiben. Anstrengend deshalb, weil man sich an die neuen Rollen Toris und ihrer Musik vielleicht erstmal gewöhnen musste. Die Vorband war übrigens ein Mann namens Seth Lakeman mit seiner Band. Na, kommt euch aufmerksamen Lesern der Name "Lakeman" zufällig bekannt vor? Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an meinen Konzertbericht von Cara Dillon. Die irische Sängerin arbeitet zusammen mit ihrem Mann Sam Lakeman an ihren Songs. Die sogenanten Lakeman-Brothers Sean, Sam und Seth waren bereits bei der irischen Band "Equation" mit von der Partie, bei der auch Cara Dillon einige Zeit mitgewirkt hatte. Als ich vor Konzertbeginn die CD von Seth am Merchandising-Stand sah, wunderte ich mich zunächst etwas. Als ich dann aber von der Bühne unverkennbare Geigentöne hörte, wusste ich sofort, wer uns da gleich was rumfiddeln würde. Eine erstklassige, rockige Vorstellung von Irish Folk mit Seth an der Geige und am Mikrofon, mit Sean an der Gitarre und mit zwei weiteren Musikern, die Bassgeige und Cajon, bzw. Schlagzeug spielten. Nach einer guten dreiviertel Stunde war das Publikum bereits so angeheizt, dass ich bereits Bedenken bekam, ob Tori das noch toppen könnte. Immerhin gab Seth Lakeman zum Schluß sein Geigensolo "Kitty Jay" zum Besten, das er mit unglaublicher Geschwindigkeit spielen konnte. Mit diesen musikalischen Eindrücken von Tori und Seth möchte ich nun diesen Bericht abschließen. Auch wenn ich nicht jedes interessante Detail festhalten konnte, so hoffe ich doch, dass selbst Tori-Insider und Konzertbesucher Gefallen daran finden.

Bis demnächst (oder bis zum nächsten Konzert),

Ilonka

Links:
Die deutsche Tori Amos-Seite mit jede Menge Infos.
Seth Lakeman`s Site

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Zuletzt aktualisiert am 08.06.2007
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